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Briefe können die Welt verändern

Lübeck Briefe können die Welt verändern

Trotz Myriaden von digitalen Mitteilungen: Das Kulturprodukt Brief ist auch im privaten Schriftverkehr immer noch lebendig.

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So sahen jahrhundertelang Mitteilungen auf Briefpapier aus. Auch heute noch werden täglich in Deutschland etwa 3,66 Millionen private Briefe verschickt.

Quelle: Fotolia

Lübeck. Die Pressestelle der Deutschen Post AG hat Zahlen parat: 61 Millionen Briefe werden täglich in Deutschland befördert. Schätzungen zufolge entfallen sechs Prozent davon auf den Schriftverkehr unter privaten Briefschreibern, etwa 3,66 Millionen. Da sind sie also, die Nimmermüden, die die Haptik von Papier und vielleicht sogar einem Schreibgerät in Stiftform schätzen.

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Trotz Myriaden von digitalen Mitteilungen: Das Kulturprodukt Brief ist auch im privaten Schriftverkehr immer noch lebendig.

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Eine erstaunliche Brieffreundschaft

„Ist es dir möglich, dafür zu sorgen, dass niemand außer Dir diese Briefe liest?“ Diese Abmachung treffen 1972 zwei Brieffreundinnen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Die eine ist 64 Jahre alt und eine weltbekannte Schriftstellerin. Die andere ist zwölf, ein unglückliches Mädchen aus Schwedens Provinz. „Hässlich, dumm, doof, faul“, so beschreibt es sich selbst.

31 Jahre wird die Korrespondenz zwischen Astrid Lindgren und Sara Schwardt währen. Unter dem Titel „Deine Briefe lege ich unter die Matratze“ sind die 80 persönlichen Nachrichten als Buch erschienen. Es erlaubt einen Einblick in eine Beziehung, die trotz aller Unterschiede auf Augenhöhe gelebt wurde. Es zeigt bisher unbekannte Facetten einer bekannten Frau: Die Astrid Lindgren, die sich ihrer jungen Brieffreundin offenbart, tritt immer wieder aus dem Bild hervor, das Journalisten und Biografen von ihr gezeichnet haben.

Briefe verbinden Menschen nahezu grenzenlos miteinander. Manchmal ohne dass sie einander jemals begegnen. Manche Brieffreunde schätzen aber gerade dieses Ausbleiben der persönlichen Begegnung:

Sie könnte die Vertrautheit entzaubern, die in all den Zeilen zwischen Anrede und Schlussformel entstanden ist.

Liebesbeziehungen beginnen und enden mit Briefen. Freunde sind miteinander über Jahrzehnte verbunden, durchleben und durchleiden gemeinsam Schulzeit, ersten Liebeskummer, Familien- und Berufsleben, das Älterwerden. Kollegen reiben sich und wachsen aneinander: ohne die Korrespondenz zwischen Goethe und Schiller keine Weimarer Klassik. . .

Briefe wirken aber auch weit über eine exklusive Zweisamkeit hinaus: Sie machen Politik, haben die Kraft, Konflikte zu entschärfen, bevor sie eskalieren. Oder aber Kriege zu entfesseln. Die Emser Depesche setzte 1870 eine wohl kalkulierte Kette von Ereignissen in Gang, die zum Deutsch-Französischen Krieg führte. Eine jahrzehntelange Korrespondenz mit dem französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire machte den mit preußischer Strenge erzogenen Friedrich II. zum aufgeklärten Herrscher. Mahatma Gandhi bat 1939 schriftlich einen „lieben Freund“, den Ausbruch des drohenden Krieges zu verhindern. Die Adresse: Herr Hitler, Berlin, Germany.

Briefe sind Quellen für den Historiker

In Brieffreundschaften einzutauchen, ist eine ganz besondere Form, sich mit Zeitgeschichte und Vergangenheit zu befassen. Unterhaltsam. Eindringlich. Überraschend. Emotional. Das macht Briefsammlungen so lesenswert. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek begann 2010, in der Reihe „Briefe bewegen die Welt“ Korrespondenzen zu veröffentlichen. Konrad Adenauer und Theodor Heuss streiten über die Nationalhymne. Bertolt Brecht buhlt um die monatliche Zusendung von zwei Kästen Bier. Friedrich der Große erweist sich als Meister der barock verschnörkelten Endlossätze und kommuniziert mit Voltaire über alles von Poesie bis Porzellan.

Der Wert des Kulturproduktes Brief ist als historische Quelle immens. Vertrauliche Mitteilungen gestatten differenzierte Blicke auf Verfasser, Lebensumstände, Epochen. Sie haben einst geholfen, die noch weithin unbekannte Welt in Worte zu fassen, begreifbarer zu machen. So nutzte der Geograph, Theologe und Philosoph Gerhard Mercator (1512-1594) ein wahres Netzwerk an Brieffreunden zum Sammeln, Austauschen und Verbreiten von Wissen. Diese „Republik der Gelehrten“ bezeichnen Historiker als einen Schritt hin zur heutigen Wissensgesellschaft.

Die Welt Bewegendes oder Erklärendes haben sich die junge Sara Schwardt und die alte Astrid Lindgren übrigens nicht geschrieben, auch wenn der Vietnamkrieg, die deutsche Teilung oder religiöse Fragen thematisiert werden. Ein Jahrzehnt nach Lindgrens Tod war die Arbeit an dem Buch Anlass für die inzwischen 53 Jahre alte Sara, zu überlegen, „was ich alles redigieren würde, wenn ich könnte, sowohl in den Briefen, als auch in meinem Leben“. Ach ja: Persönlich getroffen haben sich Lindgren und Schwardt nie.

Stets Nachschub: Letters of Note

Königin Elisabeth II. schickt Dwight D. Eisenhower das versprochene Eierkuchenrezept. Richard Burton schreibt Elizabeth Taylor einen Abschiedbrief (es müssten eigentlich mehrere gewesen sein). Iggy Pop formuliert Tröstendes für einen jungen weiblichen Fan in Not. . . Das Sammeln und Veröffentlichen besonderer Briefe ist die Leidenschaft des englischen Autors Shaun Usher. Er betreibt den Blog lettersofnote.com und hat 125 der „unterhaltsamsten, inspirierendsten und ungewöhnlichsten Briefe der Weltgeschichte“ auch als Buch herausgebracht: „Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“ (Verlag Random House, 34,99 Euro). Man erfährt: Was antwortet David Bowie auf seinen ersten Fanbrief? Wie verabschiedet sich Virginia Woolf vor ihrem Selbstmord von ihrem Mann? Wie formuliert Leonardo da Vinci ein Bewerbungsschreiben . . .?

Private Briefe und historische Korrespondenzen

7Bände sind in der Reihe „Briefe bewegen die Welt“ erschienen. Die Dokumente, die der Literaturkritiker Hellmuth Karasek (1934-2015) herumgegeben hat, kreisen um Themen wie Sport, Liebe, Politik und Geschichte und werden von Informationen über die Schreiber sowie einem kurzen geschichtlichen oder thematischen Exkurs begleitet: ein lehrreicher und unterhaltsamer Parforceritt durch die Weltgeschichte, illustriert mit vielen Faksimiles. „Briefe bewegen die Welt“ von

Hellmuth Karasek, Verlag teNeues, ab 19,90 Euro

Astrid Lindgren nennt ihre junge Brieffreundin Sara „Mein kleines Springkraut“. Die Zwölfjährige bittet die Autorin zunächst, ihr Probeaufnahmen beim Film zu verschaffen. Und sie rezensiert – „weil ich schon mal dabei war“ – gleich noch ein paar von Lindgrens Büchern. Später werden die beiden einander Kummerkasten, Rettungsanker, Ratgeberin. „Großmutter und Deine Briefe halfen mir, die restliche Schulzeit durchzustehen“, schreibt Sara Jahre später.

„Deine Briefe lege ich unter die Matratze“ von Astrid Lindgren & Sara Schwardt, Oetinger, 237 Seiten, 19,99 Euro

 Sabine Räth

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