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Kultur im Norden „Inspiriert vom wahren Leben“
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18:15 05.12.2018
Carmen Korn: „Ich habe nie wirklich viel Geld mit meinen Büchern verdient.“ Quelle: Jörg Brockstedt
Lübeck

Krimifans schätzen die Hamburger Autorin und Journalistin Carmen Korn seit Jahrzehnten. Nun kennt sie auch der Rest der Republik: Korns Jahrhundert-Trilogie über das Schicksal von vier Frauen und ihren Familien führt seit Monaten die Bestsellerlisten an. Ein Gespräch über Freundschaften, Harmoniebedürfnis, die RAF und den Jazz.

Mit 64 Jahren endlich der Durchbruch, heißt es jetzt überall …

Das habe ich nie so empfunden. Mein erstes Buch „Thea und Nat“ 1989 war ein Erstlingserfolg und wurde später verfilmt. Für meinen ersten Krimi bekam ich den Marlowe-Preis 1998. Es gab immer wieder hinreißende Rezensionen und ich fühlte mich immer sehr wahrgenommen. Aber ich habe nie wirklich viel Geld mit meinen Büchern verdient und sie standen auch noch nie auf der „Spiegel“-Liste.

Die „Töchter einer neuen Zeit“, die Hebammen Henny und Käthe, die Lehrerin und spätere Buchhändlerin Lina und die großbürgerliche Ida, alle um 1900 geboren, verbindet eine tiefe Freundschaft und sie leben alle in Hamburg-Uhlenhorst. Was macht dieses Viertel so besonders?

Hier stießen Welten aufeinander. Die unterschiedlichen Milieus, aus denen meine vier Frauen kommen: Großbürgertum, Kleinbürgertum, Arbeiterschaft. Die wohlhabende Schicht wohnte an der Alster, aber schon ein paar Straßen weiter waren Brutstätten für Schwindsucht und anderes Unglück zu finden. Aber natürlich habe ich das Viertel auch gewählt, weil ich dort seit 40 Jahren wohne und es mir so vertraut ist.

In Ihrer Trilogie verweben Sie sehr dicht und detailgenau das Leben der Freundinnen und ihrer Familien mit Politik und Weltgeschehen im 20. Jahrhundert. Warum haben die Menschen derzeit ein so großes Bedürfnis nach authentischen und empathischen Geschichtsromanen?

Das hat sicher mit dem Zeitgeist zu tun. Je größer die Unsicherheiten einer unüberschaubaren Welt, desto größer auch das Bedürfnis nach kollektiven Erinnerungen, glaube ich. Fernsehfilme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ku’damm 56“ oder „Weissensee“ haben den Weg da schon bereitet.

Eine ganz wichtige Person ist Guste, die in ihrer Pension heimatlose Gestalten sammelt. Gab es dafür Vorbilder oder scheint da eine Sehnsucht nach Großfamilie durch?

Das ist vieles inspiriert vom wahren Leben. Viele Spuren meiner Familie. Für Guste, die so viele zerzauste Vögel aufnimmt, war meine Urgroßmutter Anna Vorbild und ihre große, lebensfrohe Familie. Bei ihr in der Küche war immer das pralle Leben. Und ich pflege seit den frühen 80er Jahren ein paar sehr intakte Freundschaften mit sehr unterschiedlichen Frauen. Erstaunlicher Weise sagen einige Menschen, dass man sich mit mir nicht streiten kann.

Sie sehen das anders?

Na ja, ich habe von all meinen vier Frauen etwas. Ich kann widerspenstig sein wie Käthe. Eine Zicke wie Ida. Aber ich harmonisiere auch wie Henny und bin eine gute Diplomatin. Mein Mann wollte mich schon mal nach Palästina schicken, er meinte, das würde ich dort bestimmt hinkriegen.

Ihr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis spürt man insbesondere in Band 2. Die „Freundesfamilie“ lebt im Nachkriegs-Hamburg wie in einem Kokon, in das die Großereignisse von Politik und Zeitgeschehen recht wohldosiert hineinstoßen.

Aber so war es doch! Nach den grässlichen Geschehnissen zog man sich ins Private zurück. So erinnere ich es auch aus meiner Familie. Natürlich wurde diskutiert, auch gegen Wiederbewaffnung auf die Straße gegangen. Der Tod von Kennedy traf ins Mark. Aber man war doch sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Erziehungsideale der 50er und 60er Jahre waren noch vom 3. Reich geprägt, doch in keiner Ihrer Familien setzt es jemals eine Tracht Prügel. Sehr ungewöhnlich, oder?

Schlagen kenne ich nicht. Das habe ich auch nie von meiner Großmutter oder Urgroßmutter gehört. Deshalb war es für mich auch gar kein Thema.

Im letzten Teil, „Zeitenwende“, nimmt die Rote Armee Fraktion breiten Raum ein. Die Studentenschaft hatte damals ja große Sympathien für die RAF, zumindest in den Anfängen. Sie auch?

Absolut – aber nur, bis das große Töten losging.

Im Gegensatz zu den 70er Jahren ist die Jugend heute extrem brav und angepasst. Fehlt das Bewusstsein für die Errungenschaften der Demokratie?

Ich glaube, dass viele gar nicht zu schätzen wissen, was für ein hohes Gut der europäische Gedanke ist. Was mich richtig aufregt: Dass so wenige junge Menschen zur Wahl gehen.

Was hat man da falsch gemacht?

Vielleicht haben wir die Kinder zu früh und zu stark mit den ganzen Kriegs- und Nazigeschichten belastet. Eine Über-Information. Die 68er sind ja so politisch geworden, weil sie von ihren Eltern nichts gehört hat! Unsere Kinder können sich nirgendwo reiben.

Isabelle Hofmann

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