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Champagner für den Marathonmann

Hannover Champagner für den Marathonmann

Früher standen Ballonfahren, Tabak-Weitspucken oder Schießen auf echte Tauben auf dem Programm: Klaus Zeyringer hat eine amüsante und kluge Kulturgeschichte der Olympischen Spiele von 1896 bis heute geschrieben.

1908 in London: Marathon-Sieger Dorando Pietri aus Italien wird disqualifiziert, weil Ärzte und Kampfrichter dem völlig Erschöpften über die Ziellinie halfen.

Quelle: AFP

Hannover. Merkwürdig: Bei den Olympischen Spielen kämpft man auf dem Land und auf dem Wasser gegeneinander, nicht aber in der Luft. Oder: nicht mehr. Im Jahr 1900 stand in Paris noch Ballonfahren auf dem Programm. Auch Autorennen gab es bei früheren Olympischen Spielen, ebenso Tauziehen, Sackhüpfen, Kanonenschießen, oder Tabak-Weitspucken.

LN-Bild

Klaus Zeyringers amüsante und kluge Kulturgeschichte der Olympischen Spiele von 1896 bis heute.

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Einmal, ebenfalls im Jahr 1900 in Paris, gab es auch einen Wettbewerb im Taubenschießen. Nicht auf Tontauben wurde geschossen, sondern auf echte, lebende Tauben. Der Belgier Leon de Lunden traf 21 der 300 Tauben, die es im Flug zu erlegen galt, und erhielt dafür die Siegesprämie von 20000 Francs, die er – ganz der faire Sportsmann – mit den anderen drei Finalteilnehmern teilte. Das Stadion sah nach dem Taubenschießen allerdings nicht mehr ganz so gut aus: überall Blut und Federn.

Fortan verzichtete man aufs Taubenschießen, bei späteren Olympischen Spielen in Paris, es war im Jahr 1924, ließ man Tauben als Sinnbild des Friedens in den Himmel steigen. Das sollte Tradition bei den Olympischen Spielen werden. 1988 in Seoul flogen einige der Freiheitstauben allerdings durch das Olympische Feuer und wurden so im Flug gegrillt.

Derlei kuriose Begebenheiten aus der Geschichte der Olympischen Spiele sammelt der Kulturwissenschaftler Klaus Zeyringer in seiner ebenso witzigen wie klugen Kulturgeschichte der Olympischen Spiele.

Er erzählt die Geschichte der Spiele auch als eine Geschichte der Quälerei.

Es ist erstaunlich, was Sportler über sich ergehen lassen mussten, um dem olympischen Motto „Citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) zu genügen. Die Schwimmer und Wasserballer der Spiele in St. Louis (1904) mussten ihre Wettbewerbe in einem bakterienverseuchten See austragen. Vier Athleten starben später an Typhus. Besonders der Marathonlauf war in früheren Zeiten eine arge Schinderei. Läufer, die am Ende völlig dehydriert orientierungslos durchs Stadion torkelten, waren keine Seltenheit. Dorando Pietri brach 1908 auf den letzten Metern fünf Mal zusammen, wurde von Helfern über die Ziellinie geschleppt – und dann disqualifiziert. Als der Langstreckenläufer Tom Longboat beim selben Rennen in London bei Meile 19 einen Kollaps erlitt, versuchte ihm sein Betreuer mit Champagner zu helfen. War das schon Doping?

Jedenfalls war es noch nicht verboten. Das umfassende, auf medizinischen Erkenntnissen aufbauende Doping kam später. Weit vorn dabei waren stets die Mannschaften der DDR. Auch hier präsentiert der Autor manche Kuriosität: DDR-Sportfunktionäre und Trainer hatten eine (für die Sportler ausnahmsweise eher ungefährliche) Möglichkeit gefunden, den Schwimmern mehr Auftrieb zu verschaffen. Die DDR-Funktionäre versuchten, ihre Schwimmer aufzublasen. „Aktion Luftdusche“ bedeutete, dass dem Athleten mit Hilfe eines Klistiers zwei Liter Luft in den Enddarm gepumpt werden.

So aufgeblasen waren die DDR-Schwimmer tatsächlich etwas schneller. Doch die Methode erwies sich als nicht sehr effizient, „Aktion Luftdusche“ wurde bald abgeblasen. Das Doping erscheint in Zeyringers Kulturgeschichte als normaler Bestandteil eines Systems, in dem es um Ruhm, Ehre und Geschäfte geht. Die Spiele sind das größte Sportereignis der Welt. Hier werden Helden gemacht.

Die Olympischen Spiele sind eine starke Marke. Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiß, wie man damit umgeht. Zeyringer beschreibt sehr eindringlich die negativen Seiten: die Geschäftemacherei, die Quälerei der Athleten, den Nationalismus, der sich in dem großen Fest der Völkerverständigung seit einigen Jahren wieder stärker zeigt. Und trotzdem: Er fängt auch die rätselhafte Magie der Spiele ein.

Ein Rätsel ist immer noch ungelöst. Das ist die Frage nach dem jüngsten Medaillengewinner aller Olympischen Spiele. Es handelt sich um einen etwa zehnjährigen Jungen. Ihm wurde im Jahr 1900 in Paris eine Medaille verliehen. Und das kam so: Nur mit Mühe hatte sich der Zweier mit Steuermann von Minerva Amsterdam für das Ruderfinale qualifiziert. Um Gewicht zu sparen, entschieden sich die Ruderer, einen Jungen aus dem Publikum als Steuermann zu engagieren. Das Team gewann, dem Jungen wurde eine Medaille umgehängt – leider hatte sich niemand nach seinem Namen erkundigt.

Der Autor

Klaus Zeyringer (Foto: Studio Sattler) wurde 1953 im österreichischen Graz geboren. Schon seine Dissertation hatte ein populäres Thema: „Sprach- und Situationskomik bei Karl Valentin.“ Als Literaturkritiker schreibt er für „Der Standard“ und „Volltext“. Zeyringer ist Professor an der Université Catholique de l’Ouest im französischen Angers.

„Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute. Band 1: Sommer“ von Klaus Zeyringer, S. Fischer, 608 Seiten, 26,99 Euro.

 Ronald Meyer-Arlt

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