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Kultur im Norden „Computer denken nicht“
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00:22 08.07.2017
Es ist einiges los im menschlichen Gehirn. Aber sind wir nur das, was man messen kann? Quelle: Fotos: Fotolia, Gerald Von Foris

Sie sagen, der Mensch sei mehr als sein Gehirn. Ist er also mehr, als wir beweisen können?

Markus Gabriel: Nein, der Mensch ist mehr, als wir naturwissenschaftlich belegen können. Naturwissenschaftlich beweisen können wir über das, was den Menschen ausmacht (seinen Geist), fast gar nichts. Wir haben zum Beispiel Daten aus einem Hirnscan, die wir interpretieren müssen. Dafür haben wir unsere Methoden. Dann haben wir etwas naturwissenschaftlich belegt. Es gibt aber auch unser Alltagswissen von uns selber, dass wir etwa ein Innenleben und Bewusstsein haben, Schmerzen empfinden. Und das kann man naturwissenschaftlich nie belegen.

Das ist, was Sie die „immaterielle Wirklichkeit“ nennen?

Richtig. Wir haben Beweise für die immaterielle Wirklichkeit. Genau genommen haben wir mehr Beweise dafür als für die materielle Wirklichkeit. Unser Erleben und Denken setzt uns dauernd in Verbindung mit dem Immateriellen.

In Ihrem Buch erklären Sie das mit einer Fuge von Bach. Deren Architektur kann der Musikwissenschaftler erklären, aber nicht die Faszination, die sie auf Menschen ausübt.

Genau, das ist der Punkt.

Hat es für Sie eine religiöse Komponente, dass wir etwas nicht erklären können?

Ich glaube, wir können den Geist durchaus erklären, deswegen gibt es hier kein Mysterium. Wir haben die Methoden der Philosophie, der Geisteswissenschaften, der Theologie. Daran ist nichts religiös. Wir haben heute leider ein Verständnis von Religion, als wäre sie etwas Irrationales. Das ist sie aber nicht. Aus jeder großen Weltreligion sind ja philosophische Konzeptionen der immateriellen Wirklichkeit entstanden. Es gibt heute viele irrationale Religionen, das liegt aber an der Dominanz des falschen naturwissenschaftlichen Weltbildes und nicht an der Religion allein.

Eine andere Ihrer Thesen lautet: Der Mensch ist durch und durch frei. Gleichzeitig sprechen Sie von genetischer und anderen Prägungen. Ein Widerspruch?

Nein, überhaupt nicht. Wenn wir keine Präferenzen hätten, könnten wir ja nicht frei sein. Wenn einem ein Eis, Pizza oder ein Schwimmbadbesuch angeboten würde und man keine Präferenzen hätte, könnte man gar nicht wählen.

Aber man könnte aus dem Augenblick heraus entscheiden.

Und das gibt es eben nicht. Dass man aus dem Augenblick heraus grundlos entscheidet, wäre nicht frei, sondern Zufall. Das wäre so, als hielte man einen Würfel für frei, weil er mal eine Vier und mal eine Sechs zeigt. Das macht den Würfel nicht frei. Er wird gewürfelt, und das Ergebnis ist eine Frage des Zufalls.

Sie sagen auch, „wir sind anders als andere Tiere. Das ist alles“. Ist das nicht eine zu nüchterne Bilanz?

Das ist einfach, wie es ist. Menschen können Flugzeuge bauen, Vorträge halten, Zeitungen drucken, sicher. Aber Bienen können auch tolle Sachen, zum Beispiel am Himmel Landkarten wahrnehmen.

Ist das schon eine Form von Bewusstsein?

Auf jeden Fall. Die meisten Tiere haben ab einer bestimmten Organisation Bewusstsein. Manche Biologen sagen, Bewusstsein beginne schon auf der Ebene von DNA.

Aber Thermostate oder Glühbirnen, sagen Sie, haben kein Bewusstsein. Werden Computer eines Tages eines haben?

Nein, Computer sind wie Thermostate, egal was wir machen. Sie denken über gar nichts nach, am wenigsten über sich selbst.

Alles in allem sehen Sie schwarz für die Menschheit. Sie sei „nicht insgesamt auf Ewigkeit zu retten“.

Im besten Fall haben wir noch ein paar Milliarden Jahre bis zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Sonne erlischt. Denn wir werden unseren Planeten nicht verlassen. Wir können keinen anderen kolonisieren, das ist viel zu kompliziert. Wir müssten, um vor dem Explodieren unserer Sonne zu fliehen, gestern schon begonnen haben, irgendwo Atmosphären zu schaffen. Da müssten wir von Planet zu Planet hüpfen, aber dann stehen wir am Rand unseres Sonnensystems und merken: Der Sprung ins nächste ist schon wieder zu weit. Die Menschheit wird auf jeden Fall zu Grunde gehen. Die Frage ist nur wann. Im Moment sieht es eher danach aus, dass wir mit einigem Glück noch 10000 Jahre haben.

Und bis dahin, sagen Sie, gilt mit Rilke: „Hiersein ist herrlich.“

Zumindest solange man zu jenen gehört, die Glück haben. Aber das gilt eben nur für die wenigsten Menschen auf diesem Planeten, bestenfalls für zwei Milliarden. Es herrscht keine gute Verteilung von Glück auf der Erde. Das zu ändern bleibt ein Auftrag, nach wie vor.

 Interview: Peter Intelmann

„Erkennen und Entscheiden“ – Abschluss der Ringvorlesung in der Petrikirche

Markus Gabriel (37) hat einen Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn. Er gilt als einer der bekanntesten deutschen Philosophen der jüngeren Generation, nicht zuletzt wegen seiner beiden Bücher „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013) und dem vor zwei Jahren erschienenen „Ich ist nicht Gehirn“.

Am Donnerstag, 13. Juli, wird er in der Lübecker Petrikirche referieren (19 Uhr). Der Abend unter dem Motto „Erkennen und Entscheiden“ bildet den Abschluss der im April gestarteten Ringvorlesung „Weltanschauung“. Die siebenteilige Reihe ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität, der Fachhochschule und der Musikhochschule Lübeck sowie des St.-Petri-Kuratoriums.

Neben Markus Gabriel werden am Donnerstag die Erziehungswissenschaftlerin Gaja von Sychowski (Musikhochschule), der Physiker Henrik Botterweck (Fachhochschule), der Medizinhistoriker Cornelius Borck (Universität) sowie Petrikirchen-Pastor Bernd Schwarze vertreten sein. Die Studenten Narona Thordsen und Fabian Dib werden in das Thema einführen. Der Eintritt ist frei.

LN

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