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DER MODERNE MANN

DER MODERNE MANN

Zimmer mit Aussicht.

Ich war mit der Familie ein paar Tage am Meer. Das Meer hatten wir schon länger nicht mehr gesehen, man kommt ja zu nichts, Sie kennen das. Aber ab und zu sollte man doch einmal nachsehen, was das Meer so macht. Und nachsehen konnten wir ziemlich gründlich, denn wir hatten ein Zimmer mit wirklich spektakulärem Meerblick. Ein hochgelegenes Zimmer, da war der Blick so unverbaut, so weit und so schön, wie wir es vermutlich noch nie erlebt haben, da war eine Urlaubspostkarte gar nichts dagegen.

Von diesem Zimmer aus konnte man enorm viel Himmel, die segelnden Möwen im Wind und auch einen rotweißen Leuchtturm sehen, man konnte sehen, wie der Nebel über dem Meer aufzog und sich Stunden später wieder sachte lichtete. Man konnte sehen, wie Schiffe morgens geisterhaft aus dem dichten Weiß auftauchten, wie abends ein unwirklich riesiger Vollmond dicht über den Wellen hing, wie dunkel drohende Regengebiete von ganz weit her langsam näherkamen, wie die Sonne sich nach schweren Schauern wieder durch die Wolken kämpfte und das Meer ringsum jäh und goldglitzernd aufleuchtete.

So ein Blick war das, man kann es sich vielleicht vorstellen. Ein Blick also, bei dem fast jeder dem Zauber des Meeres erliegt, und bei dem man sich fragt, wieso man eigentlich nicht dauernd an den Strand fährt und sich das ansieht? Wir fuhren mit dem festen Vorsatz ab, uns das etwas öfter zu gönnen. Es wirft einen doch immer wieder um, so ein Meer, wenn man länger hinsieht. Man müsste schon bemerkenswert ignorant sein, um diesen Blick übers Wasser nicht hinreißend und wunderschön zu finden.

Ich: „Na, wie findest du den Ausblick?“ Der Sohn, sechsjährig: „Da glotzt man eben aufs Meer, nech.“

Nun ja. Er hat noch viele Jahre Zeit, ein anständiger Romantiker zu werden.

LN

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