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„Da tun sich Räume auf“

Lübeck „Da tun sich Räume auf“

Im Museumsquartier St. Annen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Alice Teichert eröffnet.

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Wie es leuchtet: Museumsleiterin Dagmar Täube vor einer der großformatigen Arbeiten Alice Teicherts.

Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

Lübeck. Es ist nicht sehr groß, aber alt. Und kostbar. Das Zirkelbuch von 1429 zählt zu den Schätzen Lübecks. Es enthält die Statuten der Zirkelgesellschaft, einer mittelalterlichen Vereinigung der vornehmsten und reichsten Familien der Hansestadt. Jetzt liegt es aufgeschlagen in einer klimatisierten Vitrine im ersten Stock der Kunsthalle und entfaltet seine prächtige Malerei mit Blattgold und Lapislazuli, den teuersten Farben des Mittelalters, wie Stadtarchivleiter Jan Lokers sagt. Und gegenüber an den Wänden findet sich, was Alice Teichert mit papiernen Ahnen wie diesem in Verbindung bringt.

„Zwischen den Zeilen“ heißt die Ausstellung, die am Sonntag im Museumsquartier St. Annen eröffnet wird. Sie zeigt rund 65 Arbeiten der Künstlerin, die seit Mitte der 1980er Jahre in Kanada lebt.

Aufgewachsen ist die 1959 in Paris geborene Tochter eines deutschniederländischen Paares allerdings in Brüssel. Sie ist daher in vielen Sprachen zu Hause, auch – ihre Mutter war Pianistin – in der Musik. Und sie hat sich schon früh mit alter Kunst beschäftigt, mit mittelalterlichen Handschriften vor allem. Hier finden sich zentrale Elemente, die ihrer Arbeit Richtung gegeben haben. Das wird auch in der Lübecker Schau deutlich, ihre erste große Retrospektive in Europa und zugleich die erste Ausstellung in der Verantwortung von Museumsleiterin Dagmar Täube, die das Haus im Herbst übernommen hat.

Die Arbeiten verteilen sich über mehrere Stockwerke der Kunsthalle. Im Untergeschoss findet sich in Nachbarschaft zu zwei alten Chorgesangbüchern, die im 15. und 16. Jahrhundert im Kloster St.

Annen entstanden sind, eine grafische Partitur. Bögen mit Noten sind das, aber auch mit Zeichen, Wörtern, Buchstaben. Mit Hinweisen also, die in unterschiedlicher Gestalt daherkommen, die aber trotzdem zu einem Musikstück werden sollen, wenn die Professoren Johannes Fischer und Rico Gubler von der Musikhochschule sie am 8. Juli mit Studenten bei einem Konzert im Museum dazu erwecken.

Oben in der Kunsthalle begegnen einem großformatige Bilder, Acryl mit Stiften auf Leinwand. Sie schimmern und scheinen auf geheime Art von innen zu leuchten. Es sind meditative Arbeiten, in die man sich versenken kann. „Da tun sich Räume auf“, sagt Dagmar Täube. „Es hat fast holografische Züge.“

Auch fast monochrome Werke sind zu sehen, in denen bis zu 30 Farbschichten übereinander liegen. Poröse Schichten allerdings, die nicht unter der jeweils nächsten verschwinden, sondern sich immer noch zu Wort melden.

„Man kann diese Bilder erst lesen, wenn man aufhört, sie entziffern zu wollen“, sagt die Museumsleiterin. Es gehe um ein „intuitives Verstehen“. Um das, was sich nicht oder nur schwer mit Worten sagen lässt. Das gilt auch für die Schriften und Zeichen, die Alice Teichert in ihren Arbeiten auftauchen lässt. Etwa in ihren acht Fotoarbeiten, die sie nach Besuchen im September und Januar in direkter Auseinandersetzung mit den Altären des St. Annen Museums geschaffen hat. Oder in den Buch-Malereien nach Art eines aufgeschlagenen Stundenbuches, in den wieder und wieder verwischten Arbeiten, wie man sie auch von Gerhard Richter kennt. Es geht um die Wahrnehmung des Verborgenen, um einen anderen Blick, der sich von gewohnten Perspektiven und Erwartungen nicht irritieren lässt.

Die Ausstellung läuft bis zum 15. Oktober. Pünktlich zum Beginn ist auch eine Monografie von Dagmar Täube über Alice Teichert erschienen. Sie kennt sie schon länger und hat sie im vorigen Jahr für mehrere Wochen in Kanada besucht. Die 19 Handschriften stammen aus den Beständen des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek.

Talk mit der Künstlerin

Der Sachsenspiegel aus dem 15. Jahrhundert gehört zu den Handschriften, die zu den Arbeiten Alice Teicherts gezeigt werden, ebenso Stundenbücher und andere selten zu sehende Schätze.

Nach der Eröffnung am Sonntag wird Museumsleiterin Dagmar Täube u. a. am 22. Juni (15.30 Uhr) bei einer öffentlichen Führung die Ausstellung erläutern. Am 7. Juli gibt es einen „Gallery Talk“ mit der Künstlerin.

Peter Intelmann

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