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„Dankbar, dass es so gut gelaufen ist“

Lübeck „Dankbar, dass es so gut gelaufen ist“

Michael Ballhaus hat in Hollywood in der Spitzenliga des Films gespielt. Die Berlinale würdigt das Gesamtwerk des großen deutschen Kameramanns.

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Michael Ballhaus ist ein Freund des Zelluloids , hier steht er neben einer 35-Millimeter-Kamera im Filmmuseum Berlin.

Quelle: Fotos: Dpa (5), Fotolia, Olaf Malzahn

Lübeck. Sie haben schon so viele Preise — was bedeutet der Ehrenbär der Berlinale für Sie?

Michael Ballhaus: Ich war viele, viele Jahre sehr verbunden mit der Berlinale, und zwar von Anfang an. Da freut einen so ein Preis ganz besonders. Ich habe hier viele wunderbare Filme sehen können. Und 1980 habe ich zum ersten Mal Martin Scorsese erlebt, der seinen Boxerfilm „Raging Bull“ vorstellte. Ich habe zu meiner Frau gesagt: „Mit dem möcht ich mal einen Film drehen!“ Das war damals so weit weg wie der Mond.

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Festivalchef Dieter Kosslick mit Ballhaus gestern auf der Berlinale.

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Und dann wurden es sieben gemeinsame Drehs. Haben Sie selbst einen Lieblingsfilm aus Ihrer gemeinsamen Arbeit?

Ballhaus: Da gibt es zwei Antworten. Ich weiß, dass mein bester Film bestimmt „Goodfellas“ von 1990 ist, aber mein Lieblingsfilm ist eigentlich „Die Zeit der Unschuld“ von 1993. Das war eine Geschichte so ganz nach meinem Gefühl und meinem Geschmack, eine unglückliche Liebesgeschichte mit Michelle Pfeiffer und Daniel Day-Lewis — wunderbare Schauspieler, ein großartiges Team, ein tolles Drehbuch.

Was war das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit mit Regisseur Martin Scorsese?

Ballhaus: Er ist ein Mensch, der in Bildern denkt. Und für einen Kameramann ist das etwas Wunderbares, weil man dann die gleiche Sprache spricht. Es gibt ja auch Regisseure, die das nicht haben, und dann muss einem selber was einfallen. Scorsese gibt einem immer einen klaren Rahmen, einen Rhythmus. Und wir haben uns einfach auch menschlich gut verstanden.

Bei Rainer Werner Fassbinder war das nicht so einfach?

Ballhaus: Ja, das war eine harte Schule, und manchmal hatte ich das Gefühl, ich kann nicht mehr. Aber er war einfach der beste Regisseur zu dieser Zeit in Deutschland. Und mir hat niemand versprochen, dass es ein leichter Job ist.

Was war das Schwierige an ihm?

Ballhaus: Er hat eben böse Spiele gespielt mit Menschen, und das war manchmal sehr gemein. Aber irgendwie haben wir es geschafft. Und ich hatte ja im Hintergrund immer meine Familie, meine wunderbare Frau Helga, das war mein Fixpunkt und mein Halt bei allen Tragödien und Spannungen, die ich mit Fassbinder hatte.

Wie ist Ihre legendäre 360-Grad- Kamerafahrt entstanden?

Ballhaus: Das war auch mit Fassbinder. Wir drehten 1973 in Rom den Film „Martha“, und Fassbinder erklärte mir: „Hier treffen sich jetzt zwei Menschen, und ich möchte gern, dass der Zuschauer erfährt, dass mit diesen beiden Menschen in dem Film noch etwas ganz Besonderes passiert.“ Ich schlug vor, mit der Kamera im Halbkreis um sie herumzufahren. Und dann sagt er: „Warum nicht ganz rum?“

Was ist am „Ballhaus-Kreisel“ so kompliziert?

Ballhaus: Die Schienen für die Kamera müssen unabhängig vom Gelände im Lot liegen. Als ich später das Drehbuch für „Die fabelhaften Baker Boys“ (1989) mit Michelle Pfeiffer gelesen habe, war mir sofort klar: Das muss dann auch der 360-Grad-Schwenk sein. Und sie hat es auch toll gemacht — es war fast wie ein Liebesakt.

Ihre Augen haben Sie nun zum Aufhören gezwungen .

Ballhaus: Ja. Ich habe nur noch eine Sehkraft von 20 Prozent. Ich weiß das seit 25 Jahren und habe mich darauf eingestellt.

Der Preis für das Lebenswerk setzt immer auch so ein bisschen einen Schlusspunkt. Macht Sie das melancholisch?

Ballhaus: Nein. Mir geht es so gut. Ich habe ein erfülltes Leben gehabt und bin immer noch glücklich mit meiner wunderbaren Frau. Wer hat das schon mit 80? Und jetzt genieße ich es, mit Hörbüchern die Weltliteratur neu zu entdecken. Ich bin einfach nur dankbar, dass es so gut gelaufen ist.

Einer der Besten

Michael Ballhaus (80) ist neuer Träger des Goldenen Ehrenbären der Berlinale. Das Festival sprach dem Kameramann die Auszeichnung für seine langjährige Verbundenheit mit den Festspielen zu.

Festivalchef Dieter Kosslick sagte gestern vor der Verleihung: „Wir ehren Michael Ballhaus als einen Kameramann, der seinen Regisseuren ein kongenialer Partner war und dessen Œuvre einzigartig ist.“

Der gebürtiger Berliner Ballhaus gilt als einer der besten Kamerakünstler der Welt. Berühmt sind vor allem seine Filme mit Rainer Werner Fassbinder („Die Ehe der Maria Braun“) und Martin Scorsese („Goodfellas“). Er ist seit den 1970er Jahren Gast der Berlinale. 1990 übernahm er die Leitung der Wettbewerbsjury. 2006 würdigte ihn das Festival für seine Verdienste um den Film mit einer Berlinale Kamera.

Zur Ehrengala im Festival-Palast stand gestern Abend nochmals der legendäre Scorsese-Film „Gangs of New York“ auf dem Programm, der Ballhaus seine dritte Oscar-Nominierung eingebracht hatte.

Interview: Nada Weigelt

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