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Darstellung einer Tragödie aus dem Geiste der Musik

Lübeck Darstellung einer Tragödie aus dem Geiste der Musik

Eine Opernproduktion von solcher Qualität hat man auch im Theater Lübeck, das in Sachen Musiktheater überregional einen guten Ruf hat, lange nicht mehr gesehen.

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Katerina (Irina Rindzuner, Mitte), ihre Rivalin Sonjetka /Wioletta Hebrowska) und Sergej (John Uhlenhopp) kurz vor ihrem Ende.

Quelle: Jochan Quast

Lübeck. Eine Opernproduktion von solcher Qualität hat man auch im Theater Lübeck, das in Sachen Musiktheater überregional einen guten Ruf hat, lange nicht mehr gesehen. Die Premiere von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde am Freitag zu einem Triumph für Sänger, Musiker und das Regieteam um Jochen Biganzoli.

Die Oper, uraufgeführt 1934, hat keine Ouvertüre. Stattdessen nahm ein Streichquartett auf der Bühne Platz und spielte den 4. Satz aus dem autobiographisch angelegten Streichquartett Nr. 8 von Schostakowitsch. Auf den geschlossenen Vorhang wurden Auszüge aus Stalins vernichtender Kritik über die Oper projiziert — eine gelungene historische Einordnung, die am Ende durch einen zweiten Quartettsatz und Schostakowitschs schleimige Bitte um Aufnahme in die KPDSU ergänzt wurde.

Als sich der Vorhang hob, erschien ein abweisender Rundbau, auf dem in kyrillischen Buchstaben das russische Wort „Greh“ stand — zu deutsch „Sünde“ (Bühne: Wolf Gutjahr). Um Sünde geht es in dieser Oper — und natürlich um den Ausbruch aus einem Unterdrückungssystem. Der Rundbau auf der Bühne ist von der Form her zwischen Gasometer und abgebrochenem Turm angesiedelt. Auf die Wand des Turms werden per Live-Kamera die Gesichter von Sängern projiziert, ebenso Video-Einspielungen (Thomas Lippick). Öffnet sich der Turm, wird eine Ansammlung von Räumen sichtbar, alle verschieden groß. Sie sind auf der Drehscheibe platziert, das erlaubt immer wieder neue Einblicke in die Welt von Katerina, Sinowij und Sergej. In diesen sieben Räumen wird gelebt, geliebt, vergewaltigt und gemordet. Wie Regisseur Biganzoli dies alles zeigt oder auch nicht zeigt, ist meisterhaft. Denn der Regisseur verzichtet auf eine filmisch-realistische Darstellung und verlässt sich ganz auf die Musik von Schostakowitsch. In dieser überaus akribisch gearbeiteten Inszenierung macht jede Bewegung der Protagonisten musikalischen Sinn — und die Musik sagt alles. Eine herausragende Regieleistung. Die furchtbare Prügelszene, zu der Schostakowitsch expressionistische Musik geschrieben hat, wird nicht auf der Bühne gezeigt, sondern in einem Video, das in seiner Stilisierung und Ästhetik an Filme von Sergej Eisenstein erinnert. Den grotesk gezeichneten Polizeichef (großartig: Steffen Kubach) lässt Biganzoli zunächst deutsch singen und mit seiner Truppe im Zuschauerraum agieren, so wird die ganze Lächerlichkeit der Figur noch deutlicher. Die in Sibirien spielenden Szenen finden statt vor einer Art Comic, der die grässliche Wahrheit über das Leben in den Lagern zeigt. All das fügt sich zusammen zu einer Regiearbeit, die man in dieser Qualität nur selten zu sehen bekommt. Das Orchester unter Andreas Wolf passte sich diesem Niveau an. Wie befreit spielten die Philharmoniker auf, besessen geradezu von der Musik Schostakowitschs, dabei geleitet von einem Dirigenten, der trotz all der ohrenbetäubenden Klänge auch die leisen. lyrischen Passagen vorbildlich ausdeutete. Der Chor unter seinem neuen Leiter Jan-Michael Krüger klang ganz fabelhaft, er agierte mit Elan und Präzision.

In der Rolle der unglücklichen Katerina brillierte Irina Rindzuner stimmlich wie darstellerisch. Wie sie die mörderisch harte Partie meisterte, war großartig. John Uhlenhopp als Sergej geriet gegen Ende an seine stimmlichen Grenzen, Daniel Jenz gab den Sinowij mit schleimig-dümmlicher Geste. Tars Konoshchenko als Schwiegervater Boris war stimmlich und darstellerisch auf der Höhe, ihm nahm man dieses unmenschliche Scheusal wirklich ab. Unter den Nebendarstellern herausragend Guillermo Valdés als „Schäbiger“ und Todesengel.

Ganz große Oper war an diesem Abend zu erleben, bewegend und unter die Haut gehend. Einfach wunderbar.

Nächste Aufführungen am 1. und 15. April.

Komponieren in der Diktatur

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) war einer der bedeutendsten sowjetischen Komponisten. Neben 15 Sinfonien, Instrumentalkonzerten, Bühnenwerken und Filmmusik komponierte er 15 Streichquartette, die zu den Hauptwerken des Kammermusikrepertoires aus dem 20. Jahrhundert zählen. Er schrieb dem Regime von Josef Stalin Hymnen und blieb gleichzeitig auf Distanz zum stalinistischen System. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ missfiel Stalin derart, dass Schostakowitsch beinahe in Sibirien gelandet wäre. Der Komponist schrieb nie wieder eine Oper sondern wandte sich der absoluten Musik zu, schrieb Kammermusik und Sinfonien. Gerade die Sinfonien aber kann man als Gehimgeschichte Russlands lesen, wie der Cellist Mstistlaw Rostropowitsch sagte.

1953 starb Stalin, Schostakowitschs 10. Sinfonie gilt als Abrechnung mit dem Diktator. Offiziell gegen das Regime stellte sich der Komponist nie.

Von Jürgen Feldhoff

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