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Lübeck Das Böse ist immer und überall

Peter Konwitschny inszeniert Giuseppe Verdis frühe Oper „Attila“ am Theater Lübeck.

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Helena Dix (Mitte) singt die Partie der Odabella, ganz rechts Ernesto Morillo als Hunnenkönig Attila.

Quelle: Fotos: Jochen Quast, Dpa

Lübeck. Peter Konwitschny gilt als einer der Radikal-Zertrümmerer unter den deutschen Opernregisseuren. Immer wieder hat er für große oder kleine Skandale gesorgt, sein scharfer Blick auf die Werke, die er inszeniert, verstört Teile des Publikums. Peter Konwitschnys Inszenierung von Giuseppe Verdis Frühwerk „Attila“, einer Koproduktion des Theaters an der Wien und des Theaters Lübeck, sorgte bei der Premiere in Wien für einige Aufregung, Gegner und Anhänger Konwitschnys lieferten sich lautstarke Wortgefechte. Am Sonnabend hat Konwitschnys Sicht auf Verdi Premiere im Großen Haus in der Beckergrube.

LN-Bild

Peter Konwitschny inszeniert Giuseppe Verdis frühe Oper „Attila“ am Theater Lübeck.

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Die Besetzungsliste

„Attila“ von Giuseppe Verdi, Premiere am Sonnabend um 19.30 Uhr.

Musikalische Leitung: .Ryusuke Numajiri

Inszenierung: .Peter Konwitschny

Ausstattung: .Johannes Leiacker

Chor: .Jan-Michael Krüger

Attila: .Ernesto Morillo/Taras Konoshchenko

Ezio: .Gerard Quinn

Odabella: .Helena Dix

Foresto: .Alexander James Edwards

Uldino: .Hyungseok Lee

Leone: .Seokhoon Moon

Chor und Extrachor des Theater Lübeck, Kinderchor Vocalino

„Provokation um der Provokation willen ist nie mein Ding gewesen“, sagt der 71-jährige Regisseur. „Wenn ich als provokant empfundene Szenen auf die Bühne gebracht habe, dann nur, um Inhalte zu verdeutlichen. Viel zu oft wird um die Wahrheit ein Bogen gemacht.“

Mit dem historischen Hunnenkönig Attila hat das Libretto dieser Oper gelinde gesagt wenig zu tun. Sie spielt um das Jahr 450, Attila hat mit seinem Heer Aquileia erreicht, Odabella, die Tochter des dortigen Fürsten, gehört zu seinen Gefangenen. Attila verliebt sich in Odabella, ihr wahrer Geliebter Foresto will Attila ermorden. Dann mischt noch der Gesandte des Kaisers namens Ezio mit, der insgeheim mit Attila paktieren will. Nach allerlei Wirrungen tötet Odabella am Ende Attila.

Worum geht es in dieser Oper, worauf richtet der Regisseur seinen Fokus? Konwitschny: „Es geht um Mord und Totschlag, Liebe, Verrat und Betrug. Gewalt ist allgegenwärtig, im 5. Jahrhundert ebenso wie in unserer Zeit.“ Ist diese Erkenntnis nicht banal? „Sie mag banal klingen, aber sie ist richtig. Um das zu verdeutlichen, lassen wir die Protagonisten im ersten Akt als spielende Kinder auftreten, im zweiten Akt als gesetzte Erwachsene in Abendkleidung und im dritten als Greise mit Rollstuhl und Rollator. Der Blick auf die ganz alten Menschen ist allerdings der am wenigsten scharfe.“

Gewalt als Lebensprinzip, Verrat als höhere Bestimmung, das bedenkenlose Streben nach Macht – gibt es eigentlich überhaupt einen Sympathieträger in dieser Oper? Konwitschny: „Für mich ist ausgerechnet Attila der einzige Sympath. Er ist zwar ein Totschläger der übelsten Sorte, aber er ist direkt, und er steht zu seinem Handeln. Die anderen mauscheln im Hintergrund, niemand ist ehrlich.“

Für Peter Konwitschny ist die Oper „Attila“ im übrigen weithin unterschätzt. „Man sieht in dem Werk nur eine der vielen Opern aus Verdis ,Galeeren-Jahren‘, als er wie am Fließband komponieren musste. Dabei ist die Musik so furios und teilweise so grotesk, wie es nur ein Meister schreiben kann. Das Finale 2 etwa ist herausragend. Weil die Musik oft so grotesk ist, erlauben wir uns auch groteske Szenen. Im Finale 2 zeigen wir, wie die Frauen russisches Roulette spielen, die Männer sind begeistert davon.“

Und wie geht Peter Konwitschny grundsätzlich an die Inszenierung einer selten gespielten Oper wie „Attila“ heran? „Es geht nicht darum, ob eine Oper selten oder häufig gespielt wird. Ich bin anders in der Welt als die meisten Menschen, ich sehe die Dinge wie ein staunendes Kind. Für mich ist ,Attila‘ auch ein Stück über das Versagen des Traumes. Des Traumes von der Macht, des Traumes von der Liebe. Gewalt übertönt alles in dieser grotesken Welt, die Verdi so meisterlich musikalisch beschrieben hat.“

• Einen Film über die „Attila“-Proben finden Sie auf ln-online.

Jürgen Feldhoff

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