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Das Ende der großen Verschwendung

Bayreuth Das Ende der großen Verschwendung

Ein Familienbetrieb ganz eigener Art: Wie funktionieren die Bayreuther Festspiele wirtschaftlich?.

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In diesem Sommer zum letzten Mal: Wagners Helden an der Tankstelle in Frank Castorfs „Rheingold“.

Quelle: Foto: Enrico Nawrath/bayreuther Festspiele

Bayreuth. „Ein Pumpgenie“ nannte Thomas Mann Richard Wagner (1813-1883). Virtuos konnte der Komponist schnorren, wenn es um seine Musik und die Bayreuther Festspiele ging.

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Ein Familienbetrieb ganz eigener Art: Wie funktionieren die Bayreuther Festspiele wirtschaftlich?.

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Und alle hat er angepumpt: Juden und Deutschnationale, Schulfreunde, Kollegen, den bayrischen König Ludwig II. oder seinen gutmütigen Schwiegervater Franz Liszt.

Heute sind die Bayreuther Festspiele das prestigeträchtigste Festival Deutschlands, wenn nicht gar Europas. Aber wie funktioniert diese „Kultstätte mit weltanschaulicher Mission“ (Wagner-Enkel Franz Wilhelm Beidler) wirtschaftlich? Schuldenmachen gehörte für den Komponisten und Bayreuth- Gründer Richard Wagner von Beginn an dazu. Seriosität war nicht Teil der Marke Richard Wagner und Bayreuth.

Für ein Genie galten andere Regeln.

Sein Luxusleben verteidigte Wagner mit den Worten: „Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche.“ Und die Welt sah das ein. Die ersten Bayreuther Festspiele 1876, bei denen der „Ring des Nibelungen“ aufgeführt wurde, endeten mit dem für das Wagnersche Familienunternehmen gigantischen Defizit von 147.851,82 Reichsmark (heute etwa drei Millionen Euro). Es wurde durch eine erfolgreiche Italientournee und einen Kredit von Bayern-König Ludwig II., den die Wagners erst 1906 tilgten, ausgeglichen.

Festspiele unter dem Hakenkreuz

Bis zum August 2008 waren die Bayreuther Festspiele ein echter Familienbetrieb. Immerhin 97 Festspiele hatte die Familie auf eigenes wirtschaftliches Risiko organisiert, obwohl nicht nur der Meister, sondern auch viele seiner Nachkommen ein eher gestörtes Verhältnis zu allem Wirtschaftlichen hatten.

Unter der Leitung von Richards Witwe Cosima konsolidierten sich die Festspiele zunächst. Bis 1913, als das Urheberrecht für Wagners Werke auslief, war die Familie nicht nur schuldenfrei, sondern auch wohlhabend. Der Sohn Siegfried Wagner führte den Festspielbetrieb bis zum Ersten Weltkrieg. 1921 sollte neu angefangen werden. Eine Deutsche-Festspiel-Stiftung nahm zugunsten der Wagners 5 Millionen Mark aus dem Verkauf von Patronatsscheinen ein. Doch das Kapital war nach der Inflation von 1921/22 wertlos.

Als Siegfried 1930 starb, übernahm seine Witwe Winifred die Leitung und suchte die Nähe der Nationalsozialisten. Nach Hitlers Sieg bei der Reichstagswahl wehte auf dem Haus der Wagners die größte Hakenkreuzfahne der Stadt: 2,4 mal 7 Meter. Schon ab Sommer 1933 wurden die Festspiele zur Belohnung staatlich finanziert, und die Wagners waren ihre wirtschaftlichen Sorgen größtenteils los.

Die NSDAP und die NS-Organisation Kraft durch Freude kauften und verteilten alle übrig gebliebene Eintrittskarten. Thomas Mann, inzwischen im Exil, nannte Bayreuth „Hitlers Hoftheater“. Bis zum bitteren Ende hielt die Verbindung zwischen Hitler und den Wagners. Die „Meistersinger“ waren am 9. August 1944 die letzte Opernaufführung im Dritten Reich.

Erstaunlich schnell kamen die Wagners in der Bundesrepublik wieder auf die Beine. Die Staatsfinanzierung des Familienunternehmens retteten sie trotz aller NS-Verstrickung in die Demokratie: Seit 1951, den ersten Festspielen nach dem Krieg, teilen sich der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und ein sehr potenter Freundeskreis das Defizit der 30 Vorstellungen, die jedes Jahr vom 25.

Juli an in der bayrischen Provinzstadt gegeben werden.

Familienfehden, Intrigen und Misswirtschaft gehören zu den Wagners wie die unbequemen Holzstühle oder die Hitze im Festspielhaus. Immer wieder musste hochbegabten Familienmitgliedern, die sich in der Kunst, dem Metier der Familie, verdingten, aber zeitweilig an einer kleinen Liquiditätsschwäche litten, ausgeholfen werden. Erbstücke tauchten deshalb von Zeit zu Zeit auf Auktionen oder im Kunsthandel auf. Die Originalpartitur von „Tristan und Isolde“ wurde vor der deutschen Steuer in Frankos Spanien versteckt, die des „Siegfried-Idylls“ geisterte durch den Kunsthandel. 1973 verkaufte die Familie Wagner ihr Archiv für 12,4 Millionen Mark an die Bundesregierung und zwei öffentliche Körperschaften.

Der Kapitän verlässt die Brücke

 

Wolfgang Wagner war der letzte „Festspielunternehmer“ der Familie. Am 30. August 2008 feierte er seinen 89. Geburtstag. Einen Tag darauf trat er zurück. Es war auch bitter nötig. Die Bayreuther Festspiele waren nach der letzten von Wolfgang Wagner unterzeichneten, im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz überschuldet. Es gab am 30. September 2007 einen „nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag“ in Höhe von 552034,74 Euro. „Der Kapitän steht nicht mehr mit voller Kraft auf der Brücke“, sagte der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde. Seit 1945 haben die Freunde über 60 Millionen Euro gespendet.

Nach dem Ende der Spielzeit 2008 wechselte die Festspiel GmbH den Eigentümer. An Stelle von Wolfgang Wagner traten vier neue Gesellschafter ein: der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde. Geld erhielt Wolfgang Wagner für seine Anteile nicht. Seine Ansprüche wurden aber mit einer Altersversorgung abgegolten.

Vom Familienbetrieb übrig geblieben ist die die künstlerische Leitung der Festspiele. Seit 1876 lag sie von Richard bis zu seiner Urenkelin Katharina Wagner ausschließlich in der Hand von Familienmitgliedern. Der Intendantin zur Seite gestellt wurde ein kaufmännischer Geschäftsführer, seit 2016 ist dies Holger von Berg. Die Festspiele mit Katharina Wagner und ihrem Musikdirektor Christian Thielemann seriös und transparent zu führen ist sicher seine bisher größte Herausforderung. In den 130 Jahren davor waren sie das Unternehmen von Deutschlands berühmt- berüchtigtster Familie, in deren Schicksal sich Zeit- und Wirtschaftsgeschichte spiegelte.

Richard Wagner selbst konnte sich und seine Festspiele ganz gut einschätzen: „Ja, mein Gott!“, schrieb in einem Brief an Franz Liszt, „ich werde ewig ein Lump bleiben. Ich bin ein großer Verschwender; aber wahrlich, es kommt etwas dabei heraus.“

Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele 2017

„Die Meistersinger von Nürnberg“ werden am 25. Juli die diesjährigen Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele eröffnen. Philippe Jordan, Musikdirektor der Pariser Oper und Chefdirigent der Wiener Symphoniker, hat die musikalische Leitung inne. Regie führt Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin. Auf die Frage, ob er es als Jude nicht furchtbar finde, an einem Ort zu sein, an dem Hitler gefeiert wurde, sagt Barrie Kosky: „Nein. Auschwitz ist Horror, aber Bayreuth ist Comedy – allerdings eine tiefschwarze Komödie.“

Das schwedische Königspaar Silvia und Carl Gustaf kommt zur Premiere der „Meistersinger“ auf Einladung von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer nach Bayreuth.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wird wieder erwartet Wagner im Kino: Die „Meistersinger“ werden am Premierenabend – leicht zeitversetzt – in eine Reihe von Kinos übertragen. Im Cinestar-Kino Lübeck und im Lichtblick- Filmtheater Oldenburg (Schuhstraße 97) ist ab 18 Uhr ein Vorprogramm zu sehen, um 18.15 Uhr startet die Oper, um 19.45 Uhr und um 21.20 Uhr gibt es Pausen. Ende der Übertragung ist gegen 24 Uhr.

Weitere Inszenierungen in Bayreuth: „Tristan und Isolde“ in Katharina Wagners eigener Inszenierung gehört zum Programm, dazu „Parsifal“ und der vierteilige Zyklus „Der Ring des Nibelungen“. Die Tetralogie in der Regie von Frank Castorf ist in diesem Jahr zum letzten Mal in Bayreuth zu sehen. Die musikalische Leitung hat Marek Janowski. Bei der Premiere 2013 ernteten Castorfs Versionen von „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ mit Krokodilen, Motel-Ambiente und Blowjob am Berliner Alexanderplatz heftige Buhrufe. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt.

Christian Schwandt

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