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Das Geheimnis des Zeichners Sempé

Paris Das Geheimnis des Zeichners Sempé

Der französische Künstler wird heute 85 und erhält eine Verfilmung als Geschenk.

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Jean-Jacques Sempé zeichnet in seinem Haus in Paris immer noch jeden Tag. Aber sehr langsam.

Quelle: Foto: Stephane De Sakutin/dpa

Paris. . Paul Tamburin ist Fahrradhändler in einem kleinen französischen Dorf. Nach außen führt er ein zufriedenes Leben, doch der Anschein trügt – der Fachmann für Rahmen, Ketten, Schläuche, Zahnkränze, Übersetzungen und Speichen kann selbst nicht Rad fahren. Und obschon er erfahren hat, dass „ein Mädchen noch komplizierter konstruiert ist als ein Campionissimo-Schaltwerk“, hat er die Frau fürs Leben gefunden. So erzählt es Jean-Jacques Sempé ins einem Bildband „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ von 1995.

 

LN-Bild

„Der kleine Nick“ machte Sempé weltberühmt. 1959 erschien der erste Band mit dem Text von René Goscinny.

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Paul Tamburin kann alles mit dem Rad, nur nicht darauf fahren: Titelzeichnung des Buches „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“.

Nun wurde die von ihm geschriebene und illustrierte Geschichte von Pierre Godeau („Down By Love“) verfilmt. Ein schöneres Geschenk zum heutigen 85. Geburtstag hätte sich der Zeichner, der durch die Abenteuer des kleinen Nick weltbekannt wurde, nicht wünschen können. Denn das Fahrrad hat in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. 

Er sei sein ganzes Leben lang auf dem Rad unterwegs gewesen, auch in Paris, sagte Sempé in einem Gespräch. Als Jugendlicher habe er sich mit dem Fahrrad auch als Weinauslieferer sein Geld verdient. Heute erlaubt es ihm seine Konstitution nicht mehr, auf das Vehikel zu steigen.

Trotz seines geschwächten Gesundheitszustands ließ es sich Sempé nicht nehmen, bei den Dreharbeiten im Juni in dem Dorf Venterol in der Provence überraschend aufzutauchen. Wann der Film mit dem Komikerduo Benoît Poelvoorde und Edouard Baer in die Kinos kommt, ist noch nicht bekannt. 

Sempé erzählt und illustriert seit mehr als 60 Jahren Geschichten. Eine, die jeder kennt, ist „Der kleine Nick“, die er zusammen mit dem 1977 verstorbenen „Asterix“-Autor René

Goscinny erfunden hat. Die verrückten Einfälle des Dreikäsehochs haben sich millionenfach verkauft und sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Im Jahr 2009 kamen seine Abenteuer erstmals auf die Leinwand. Fünf Jahre später schickte der französische Regisseur Laurent Tirard die Zuschauer erneut auf Zeitreise in die 1960er Jahre, in denen die Geschichten um den verschmitzt lachenden Jungen entstanden sind.

Sempé bringe das Menschliche in uns zum Ausdruck, sagte Benoît Poelvoorde. Der Belgier spielt in der neuen Verfilmung den Fahrradhändler Tamburin. Er sei Sempé-Fan und kenne alle seine Geschichten, deshalb habe er zu dem Film auch sofort ja gesagt, sagte er während der Dreharbeiten. 

Für Poelvoorde stellen die Geschichten den Heroismus im Alltag und der kleinen Leute dar. „Ihre kleinen Laschheiten und Falschheiten, ihre großen und kleinen Freuden und Enttäuschungen“, so erklärt er seine Sempé-Begeisterung. Und dazu gehört es, den Kleinbürger und Spießer in uns aufzudecken, seine Erfahrungen als Vater in den Kleinen-Nick- Geschichten zu karikieren, den modernen Manager auf dem Flughafen ins Visier zu nehmen ebenso wie den gelangweilten Bootsbesitzer in Saint-Tropez.

Sempé analysiert und ordnet die Welt und die Menschen. Kleine Menschen – auch Erwachsene – in überdimensionierten Straßenschluchten gehören zu seinen Lieblingsmotiven. Sie wirken oft verloren, sind aber nie ohne ein Augenzwinkern karikiert. Denn seine Protagonisten zeichnet er mit liebevoll- ironischem Strich. 

Auch „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ ist eine Geschichte mit philosophischem Hintergrund. Sie handelt von jemandem, der vorgibt, ein anderer zu sein. Um nicht zum Gespött der Mitmenschen zu werden, lässt sich Fahrradexperte Tamburin allerhand einfallen. Schon als Kind klebte er sich Pflaster auf die Beine um als Draufgänger zu gelten und schob sein Fahrrad mit einem Platten durch die Stadt. In Deutschland kam der Bildband in einer Übersetzung von Patrick Süskind im Jahr 2009 in den Buchhandel.

Einen Blick auf seine eigene Vergangenheit warf Sempé in dem Werk „Kindheiten“. Darin erfährt man, dass seine eigene Kindheit in Bordeaux nicht glücklich war. Seine Eltern stritten oft und hatten Geldprobleme, und die Schulzeit war für den Sohn eines Lebensmittelhändlers trostlos. Wegen Ungezogenheit flog er von der Schule. Mit 18 ging er dann nach Paris.

Sein Zeichentalent war schon in jungen Jahren erkannt worden, doch erst ab 1957 konnte er sich als Karikaturist Lebensunterhalt verdienen. Er zeichnete für die „Paris Match“, „L’Express“ und für die US-amerikanische Zeitschrift „The New Yorker“.  

Heute kann Sempé auf mehr als 40 Bildbände zurückblicken. An seinem großen Schreibtisch in Paris arbeitet er noch immer, nur nicht mehr so schnell wie noch vor 20 Jahren und mit einer Lupe. Er sei langsam geworden und das nerve ihn ungemein, sagte er jüngst in einem Interview.

„Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ von Jean-Jacques Sempé, aus dem Französischen von Patrick Süskind, Diogenes, 112 Seiten, 16 Euro

Sabine Glaubitz

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