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Das Genie der Selbstzerstörung

Lübeck Das Genie der Selbstzerstörung

Horst Janssen war das, was man in Zeiten von Sturm und Drang ein Originalgenie nannte. Jetzt hat Henning Albrecht eine Biografie über ihn vorgelegt.

Lübeck. Wie nähert man sich einem Menschen, der mit so vielen Masken auftrat wie Horst Janssen? Wie beschreibt man ein Leben, das einerseits künstlerische Triumphe aneinanderreihte, andererseits in einer kaum glaublichen Weise desolat war? Keine einfache Aufgabe für den Biografen. Henning Albrecht, von Haus aus Historiker, ist es gelungen, auf 719 Seiten ein Bild von Horst Janssen zu zeichnen, das erstaunliche Einblicke in die Existenz des Künstlers ermöglicht. Und dennoch das große Ganze nicht vernachlässigt.

Janssen kam aus dem Nichts, er war der uneheliche Sohn einer Oldenburger Schneiderin, seinen Vater lernte er nie kennen. Als seine Mutter starb, kam der Junge auf eine Nazi-Eliteschule in Haselünne/Emsland. Ausgerechnet Horst Janssen auf der Napola, könnte man denken, der geborene Anarchist auf der Kaderschmiede der NSDAP. In der Napola galt Janssen dann auch schon bald als „fauler Apfel“ — aber ausgerechnet auf diesem Internat traf er auf einen Lehrer, der ihm die Kunst nahebrachte. Eine Horst Janssens Leben bestimmende Begegnung.

Studium, bezahlt durch eine Tante, erste Veröffentlichungen, dann erste Ausstellungen in den 60er Jahren, auch in der Lübecker Overbeck-Gesellschaft, drei Ehen auch in den 60er Jahren, erste Alkohol- Exzesse: Der ganze Janssen zeigte sich schon in seinen frühen Jahren. Ein Künstler von hoher Begabung, der alle Vorurteile mit Leben erfüllte, die man überhaupt nur haben kann. Ein Schriftsteller von Rang, der aus dieser Begabung zeit seines Lebens zu wenig machte. Ein Mensch, der sich nach Geborgenheit sehnte und alle Beziehungen zerstörte, in denen er jemals lebte: Horst Janssen war eine unerträgliche Gestalt — und doch ein großer Künstler.

Henning Albrechts Biografie über das Scheusal aus Blankenese ist ungemein faktenreich. Albrecht ist tief in die Archive und Bibliotheken eingedrungen. Er hat unzählige Interviews mit Zeitzeugen geführt, darunter auch alle noch lebenden Ehefrauen und Lebensgefährtinnen Horst Janssens. Gerade diese Erinnerungen an den zwischen Verwahrlosung und zweifelhafter Eleganz pendelnden Menschen machen das Buch von Henning Albrecht authentisch, denn keine der Frauen hat offensichtlich einen Grund, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Janssen ist schon viele Jahre tot, drei Schlaganfälle streckten ihn letztlich nieder. Und in den Jahrzehnten zuvor streckte er eine Freundin/Gattin nach der anderen nieder: Im Rausch wurde Horst Janssen gewalttätig. Das führte zum Beispiel dazu, dass eine seiner weitaus jüngeren Gespielinnen in die USA floh, nachdem Janssen im Suff ihren Kopf gegen einen Heizkörper geschlagen hatte. Kein Einzelfall in dieser seltsamen Biografie.

Seltsam auch die Wahl der Freunde. Horst Janssen bewunderte Ernst Jünger, ein Besuch bei dem Schriftsteller verlief ergebnislos, obwohl die beiden sich gegenseitig für Genies hielten. Wirkliche Freunde, wenn er denn überhaupt zu so etwas wie Freundschaft fähig war, waren der Publizist und Historiker Joachim Fest und der Autor Johannes Gross. Beide gestandene Konservative, beide hoch gebildet und Manns genug, um eine Freundschaft mit Horst Janssen ertragen zu können.

Zur Präsentation von Fests Buch über die Tradition des Totentanzes hielt Horst Janssen an Neujahr 1986 eine Rede in der eiskalten Marienkirche vor 3500 Besuchern. „Hommage à Tannewetzel“ nannte er seinen Vortrag, Hommage an den Tod. Dem Biografen ist dieser Auftritt, den niemand, der dabei war, jemals vergessen wird, nur wenig Platz wert. Und das ist einer der wenigen Kritikpunkte an diesem Buch, das den hemmungslosen Narziss, den haltlosen Trinker, den maßlosen Verschwender und den auf unheimliche Art produktiven Künstler ansonsten treffend beschreibt. Schonungslos geht der Biograf Albrecht mit Janssen um — so wie der mit seiner Umwelt umgegangen war.

„Horst Janssen“ von Henning Albrecht, Rowohlt, 719 Seiten, 29,95 Euro.

Von Jürgen Feldhoff

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