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„Das Hohe, das Schwere — ich liebe das“

„Das Hohe, das Schwere — ich liebe das“

Hildegard Niebuhr studiert Geige in Lübeck und ist Konzertmeisterin des Gustav Mahler Jugendorchesters.

Lübeck. Mozart stand auf dem Programm, Tschaikowski, ein Violinsolo von Richard Strauss, sieben Minuten lang und furchtbar virtuos. Hildegard Niebuhr hatte nicht viel Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Dann war auch noch ihr Lehrer krank geworden und die Konkurrenz groß. Und in der Jury in Wien saßen Experten von Rang und von Namen. Aber die Experten nickten. Sie hoben die Daumen. Und dann war sie Konzertmeisterin des Gustav Mahler Jugendorchesters, einer Versammlung von Hochbegabten aus ganz Europa. Es ist eine große Ehre, eine große Chance.

Und es ist eine große Herausforderung. Mit 24 spielt sie die erste Geige in einem Orchester von mehr als hundert Musikern, schon seit dem vergangenen Jahr. Sie führt, sie darf Ansagen machen, sie spielt die Soli und ist die Schaltstelle zwischen Orchester und Dirigent. Jetzt waren sie gerade wieder unterwegs, zweieinhalb Wochen Proben in Abu Dhabi, dann Konzerte quer durch Europa, die ersten unter Christoph Eschenbach. Das aber läuft nebenher, es ist die Kür. Im wahren Leben studiert Hildegard Niebuhr Geige an der Musikhochschule in Lübeck. Und sie gehört zu jenen, die ganz aufgehen in dem, was sie tun. Sie wollte im Grunde nie etwas anderes machen.

Sie war drei, als sie mit zwei Stiften in der Hand vorm Weihnachtsbaum stand und tat, als spiele sie Geige. Sie war fünf, als sie tatsächlich damit begann. Und sie war 15, da hatte sich das auf dem Musikgymnasium in Weimar längst verfestigt zu einer Perspektive.

Hildegard Niebuhr stammt aus Leipzig und vor allem aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater lehrt zwar Theologie, ihre Mutter aber ist Cellistin im Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks.

Der Großvater war Dirigent, der Urgroßvater Komponist. Ein Bruder spielt Geige, die Schwester Cello, nur der kleine Bruder studiert Architektur.

Sie selbst ist seit viereinhalb Jahren in Lübeck und wegen Thomas Brandis gekommen, ihrem Geigen-Professor. Sie hatte ihn in einem Meisterkurs kennengelernt. Als er im Sommer aufhörte zu unterrichten, wechselte sie zu Daniel Sepec. Bei ihm will sie nach dem Bachelor im Mai auch das Masterstudium beginnen.

Geige, ja warum Geige? Weil sie so viel zulässt, sagt sie. Weil es die Tiefen gibt, in die man hinabsteigen kann, und die Höhen, die nach oben kaum Grenzen setzen. Weil dieser Raum so viele Möglichkeiten bietet, so viele Herausforderungen, und weil sie Herausforderungen mag. „Die vielen Töne, das Hohe, das Schwere — ich liebe das“, sagt sie. Es ist wie ein Sog, sieben Tage die Woche, sie kommt da nicht mehr raus. Und sie hat nichts dagegen.

Auch gibt es so viele Werke für die Geige, sagt sie, von der Alten bis zur Neuen Musik. Klarinettisten zum Beispiel könnten nie Bach spielen, sie täten ihr leid. Wenn sie aber selbst Bach spielt, den Thomaskantor aus ihrem Leipzig, dann ist sie ganz bei sich und alles an seinem Platz. Dann schwingen die Dinge in einem großen Einklang und haben ihre gute Ordnung. int

Beim Brahms-Festival wird Hildegard Niebuhr am Donnerstag, 28. April, bei Werken von Anton Webern, Joseph Lanner und Rico Gubler zu hören sein (19.30 Uhr, Großer Saal Musikhochschule).

LN

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