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Das Leben der Manns als Briefroman

Lübeck Das Leben der Manns als Briefroman

Familienporträt und Geschichtsbuch eines Jahrhunderts: Die Korrespondenz von Thomas Mann und den Seinen.

1947 im amerikanischen Exil: Frido Mann (links) mit seinem Bruder Toni und Großvater Thomas Mann. Foto:

Quelle: Getty

Lübeck. Thomas Mann und die Seinen – das ist ein offenbar unerschöpfliches Thema. Nachdem Germanist Tilmann Lahme im vergangenen Jahr eine große Biografie der „Jahrhundert-Familie“ herausgebracht hat, legt er jetzt mit einem Familienporträt in Briefen nach. Auf über 700 Seiten hat Lahme mit seinen Mitherausgebern Holger Pils (ehemaliger Leiter des Lübecker Buddenbrookhauses) und Kerstin Klein (ebenfalls am Buddenbrookhaus tätig) eine Auswahl der Briefe der Manns von 1919 bis 1981 zusammengestellt. Die Lektüre ist eine Herausforderung.

Denn nicht nur die verschiedenen Kosenamen für Thomas, Katia und ihre sechs Kinder sind verwirrend; zum Glück liegt dem Buch ein handliches Spitznamen-Verzeichnis bei. Man reist in diesem Buch in ziemlicher Geschwindigkeit durch die Zeiten. Nachkriegszeit 1919, Weimarer Republik, Nobelpreis, Hitlers Machtergreifung, Exil, schon wieder Nachkriegszeit. Anfeindungen aller Art auch nach 1945, dann, als letzte Station, die Villa am Zürichsee. Ein bewegtes Leben hat diese Familie geführt, in der nur sehr wenig dem Standard des Normalen entsprach.

Schon allein, dass alle Kinder in irgendeiner Form künstlerisch begabt waren, machte das Zusammenleben vor allem mit dem Vater Thomas Mann schwierig. Der zeigte sich in seinen Briefen zwar weitaus umgänglicher, als er es im wirklichen Leben war. So schrieb er im Juli 1919 an seine Tochter Erika, die damals 13 Jahre alt war, im ersten der wiedergegebenen Briefe: „Für Dein forsches Briefchen danke ich Dir recht vielmals.“ Um geradezu frivol fortzufahren: „Hoffentlich ist eure Fahrt nach Starnberg recht schön verlaufen und ist niemand dabei in den Graben gefallen, denn dabei verletzt man sich leicht das Höschen, wie es auch mir einmal geschah.“ Aber immer spürt man die Distanz, die der Großschriftsteller gegenüber anderen Menschen hielt – auch gegenüber seinen Kindern.

Die schriftstellerischen Arbeiten seines Sohnes Klaus wertschätzte der Nobelpreisträger kaum. Als der rauschgiftsüchtige Klaus Mann Selbstmord beging (oder versehentlich eine Überdosis Schlafmittel nahm), setzte der Vater seine Lesereise fort und kam nicht zum Begräbnis. Seltsam war dieser Mensch, der sich nur gegenüber seiner Frau Katia öffnete – und das nicht ohne innere Widerstände.

Auch Thomas Manns zu Beginn nicht wirklich entschlossene Gegnerschaft zum Dritten Reich ist Thema dieser Briefe. Vor allem Tochter Erika machte ihrem Vater die Hölle heiß, damit dieser sich endlich zum Kampf gegen Hitler aufraffte. Sie schrieb ihm 1936, er falle „der gesamten Emigration und ihren Bemühungen in den Rücken“.

Diese Sammlung von Briefen liest sich über weite Strecken wie ein Roman, ein Briefroman, genauer gesagt. Mehr als 100 Briefdokumente werden hier erstmals veröffentlicht, schon das macht die Lektüre lohnend. Der sorgfältig gearbeitete Anhang mit Anmerkungen und anderen Hinweisen erleichtert die Entschlüsselung mancher kryptisch klingenden Briefpassagen ganz ungemein.

Ein interessanter Band nicht nur für Mann-Enthusiasten, sondern für alle, die sich der Geschichte des 20. Jahrhunderts einmal von einer anderen Seite aus nähern wollen. Und ein Buch, das aufzeigt, wie viel politische Naivität in Thomas Mann steckte. Er war natürlich eine der wichtigsten Anti-Hitler- Stimmen des Exils. Als er 1949 zu den Goethefeiern nach Weimar fuhr, sah er nur ein großes Volksfest in der thüringischen Stadt. Die aufmarschierenden Einheiten der FDJ und der Thälmann-Pioniere versetzten zumindest Katia Mann in Schrecken. Zu bekannt kam ihr das alles vor. Aus ihrer Sicht hatte sich in Ostdeutschland nicht viel geändert – rotlackierter Faschismus herrschte im Arbeiter- und Bauernstaat. Katia Mann hatte Bedenken wegen der Rolle, die ihr Mann zu spielen hatte: „Ob es richtig war, der dortigen Propaganda als überaus fetter Bissen zu dienen, bleibt mir zweifelhaft“, teilte sie Tochter Erika mit. „Es ist nichts zu bereuen“, fügt allerdings der Nobelpreisträger an.

Doch er konstatiert nach dem Krieg auch resigniert angesichts der Skepsis, mit der man in Deutschland die Emigranten bedachte: „Zwölf Jahre hat man geglaubt, eine anständige Haltung eingenommen zu haben... Und jetzt muß man erfahren, daß man ein Feigling war.“

Der Mann-Experte

Tilmann Lahme ist einer der besten Kenner der aus Lübeck stammenden Familie Mann. In seinem Buch „Die Manns – Geschichte einer Familie“ (2015) hat er den Clan durchleuchtet.

Promoviert wurde er 2007 mit einer biographischen Studie zu Golo Mann. Lahme war Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und lehrt heute Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg.

„Die Briefe der Manns – Ein Familienporträt“ von Tilmann Lahme, S. Fischer Verlag, 720 Seiten, 24,99   Euro

 Jürgen Feldhoff

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