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Das Leben, ein blutiger Traum

Lübeck Das Leben, ein blutiger Traum

Die „Tosca“-Inszenierung von Tilman Knabe bricht mit Traditionen. Am Ende war die Reaktion des Publikums zwiespältig.

Da liegt er am Boden, der Bösewicht: Scarpia (Gerard Quinn) wurde von den Kämpferinnen der Attavanti zur Strecke gebracht.

Quelle: QUAST

Lübeck. Unsere Welt ist ein Jammertal. Not und Elend, Krieg und Vertreibung wo immer man auch hinsieht, Gewalt gegen Andersdenkende und Andersgläubige: Das Zeitalter des Fortschritts und der vorgeblichen Aufklärung hat sich in eines der Regression verwandelt. Das ist auch in der Stadt Rom um 1800 geschehen, in dieser Zeit spielt Puccinis „Tosca“. Und deshalb macht es durchaus Sinn, wenn Regisseur Tilman Knabe seine Inszenierung in einer kriegszerstörten Welt spielen lässt, die an das Aleppo oder das Mossul unserer Tage erinnert.

Der Verismo ist eine Stilrichtung der italienischen Oper zwischen etwa 1890 und 1920. Gemeinsamkeiten der Opern sind die realistischen Handlungen mit einem gewaltsamen Höhepunkt. Die Schauplätze sind ländlich, exotisch und später auch großstädtisch.

Knabe bringt den Grundkonflikt auf die Bühne: Die aufgeklärte Republik Rom wurde durch das totalitäre Regime der Königin von Neapel abgelöst. Für die Republik steht die Marchesa Attavanti, sie und die Königin lässt der Regisseur auch auftreten. Das ist ungewöhnlich, aber vertretbar. Beide Damen befehligen eine Truppe, Frauen im Battledress bei der Attavanti, schwarz gekleidete Kämpfer bei der Königin. Die Garden bekämpfen sich, es wird in dieser Inszenierung im großen Stil geschossen und gestorben. In zu großem Stil sogar, denn der Schockeffekt nutzt sich sehr bald ab.

Aber dennoch dringt der Regisseur zu den Urgründen dieser Oper vor. Und man mache sich nichts vor: „Tosca“ ist eigentlich für einen Opernabend, bei dem man in Schönheit schwelgen will, denkbar ungeeignet. Diese Oper hat es in sich, es wird getötet, vergewaltigt, gefoltert. Tilman Knabe macht aus dem Verismo der Oper Naturalismus. Auch das ist ungewöhnlich, aber vertretbar. Allerdings erliegt Knabe einige Male der Versuchung, jeden Ton der Partitur mit Bildern zu unterlegen. Der Putzfrauen-Dialog während des Vorspiels zum dritten Akt ist schlicht infantil.

Die ganz große Stärke dieser Inszenierung aber liegt nicht in drastischen Bildern, deren es auch einige zu viel gibt. Die Stärke des Regisseurs zeigt sich n der Psychologisierung der Figuren und in der Personenführung. Wie er die Beziehung von Tosca und Cavaradossi im ersten Akt darstellt, wie er den labilen psychischen Zustand der Sängerin zeichnet, ist meisterhaft. Und es ist überflüssig, dass Tosca ihrem Liebhaber in der Kirche an die Hose geht und der sich gemütlich ein Näschen Koks gönnt.

Auch der Erzbösewicht Scarpia darf ein überzeugendes Eigenleben entwickeln. Ein Massenmörder, Folterer und Vergewaltiger – das wird schon aus der Musik deutlich, die ihm zugeordnet ist. Dass der getötete Polizeipräsident dann auch noch entmannt wird, ist überflüssig und geschmacklos. Aber dieses Detail ändert nichts am tiefen Eindruck, den dieses Spiel um Macht und Liebe in Zeiten des Krieges hinterlässt. Eine starke Regie mit einigen Ausrastern in stimmigen Kostümen (Gisa Kuhn) und einem atmosphärisch dichten Bühnenbild (Wilfried Buchholz ).

Musikalisch ragt Erica Eloff als Tosca heraus. Darstellerisch und gesanglich geht sie an die Grenzen dessen, was man auf einer Opernbühne leisten kann. Ihren Auftritt kann man nur atemlos bestaunen.

Zurab Zurabishvili als Cavaradossi beginnt routiniert, er steigert sich im Verlauf zu wahrer sängerischer Größe. Gerard Quinn ist ein wunderbar dämonischer Scarpia, diese Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben. Sehr gut sind auch die Nebenrollen besetzt, der Chor agiert und singt brillant.

Dirigent Ryusuke Numajiri schaffte es nicht immer, Puccinis Partitur zum Strahlen zu bringen. Selten hat man die Musik der Verhörszene so eintönig und blass gehört, um nur ein Beispiel zu nennen.

Am Ende war die Reaktion des Publikums zwiespältig. Großer Applaus und kräftige Buhs hielten sich die Waage, als Tilman Knabe auf der Bühne erschien. Aber auch eine solche Kontroverse ist gut für das Theater.

Nächste Aufführungen: 24. November und 21. Dezember.

 Jürgen Feldhoff

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