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„Das Leben ist eine Geschlechtskrankheit“

Lübeck „Das Leben ist eine Geschlechtskrankheit“

„Over 9000“ am Theater Lübeck: Der Spielclub 1 erzählt mit viel Witz die Geschichte eines todkranken Teenagers.

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Ein Spiel um Leben und Tod: Der krebskranke Donald (Vincent Bausch) in der Therapie (großes Foto), mit seinem Freund im Kino (Bild oben), als Miracle Man.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. Die Schwester gibt ihrem Bruder Donald Tipps, wie er bei einem Mädchen am besten landen kann. „Das erste Mal muss es schnell gehen“, sagte sie, „wenn ich die Antwort noch überlege, musst du mir schon an die Wäsche gehen.“ Donald ist 15 und hat wenig Erfahrung im Umgang mit Mädchen. Er ist unheilbar an Leukämie erkrankt und fürchtet zu sterben, ohne jemals Sex gehabt zu haben.

„Over 9000“ heißt das neue Stück des Spielclubs 1 am Theater Lübeck, das am Wochenende Premier hatte. Es lehnt sich an den Roman „Superhero“ des Neuseeländers Anthony McCarten an. Im Mittelpunkt steht ein Teenager, der sich — seinen Tod vor Augen — in Phantasien flüchtet. Er zeichnet Comics, in denen er selbst als Superheld erscheint: unverwundbar und hart.

Mit einfachen Mitteln wird das Junge Studio in Donalds Kosmos verwandelt. Beleuchtete helle Quader unterschiedlicher Größe markieren Donalds Elternhaus, Therapiezimmer, Krankenhaus, Schule, Kino. Das Publikum sitzt an den Längsseiten des Raumes — mitten im Geschehen. Denn neben den Sitzreihen stehen Erzähler.

Wer ist Donald? Ein Langweiler, eine Missgeburt, wie Stimmen behaupten? Oder sind es Stimmen in seinem Kopf?

Donald, verkörpert von Vincent Bausch (18), ist ein Jugendlicher, der versucht klarzukommen. Mit seinen hilflosen Eltern, der kecken Schwester, dem Freund, der der Jungfrau Donald von seinen Oralsex-Erlebnissen erzählt, mit der Strahlentherapie, bei der man sich fühlt „wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle“, mit der Therapeutin, die sich redlich bemüht, aber Donald letztlich nicht helfen kann.

Die Mahnung seiner Therapeutin — „Superhelden sind nicht echt“ — prallt an Donald ab. Wenn das Studio in rotes Licht getaucht ist, er seine Superhero-Brille aufsetzt und das „MM“-T-Shirt anzieht, weiß man: Nun hat das Publikum es mit dem Miracle Man zu tun. Shelley, das Mädchen, zu dem er im realen Leben keinen rechten Zugang findet, verwandelt sich in die Traumfrau Rachel.

Zehn Jugendliche und junge Erwachsene bilden den Spielclub: Lotta Becker, Pia Fanick, Anna- Maria Kniesel, Ronja Lehmann, Richard Pauly, Aenne Schmidt- Stohn, Alicia Schulmerich, Viola Tharandt, Paul von Windheim und Vincent Bausch. Sie gehören zu einer Generation, die ein rasches Tempo gewöhnt ist. Entsprechend rasant sind die Szenenwechsel in ihrem Stück, das Knut Winkmann, Leiter der Theaterpädagogik, inszeniert hat. Auch nicht mehr ganz so junge Menschen können aber gut folgen.

Und auch Dank des großen Tempos ist es gelungen, viel Inhalt unterzubringen. Es   geht um eine Fülle existentieller Fragen wie die Endlichkeit des Lebens, um Versäumnisse und die Möglichkeit, das Leben mit Inhalt zu füllen. „Das Leben ist eine Geschlechtskrankheit. Die Leute verbreiten sie mit Sex. Und am Ende stirbt man daran“, lautet Donalds Bilanz. Auch der Umgang mit Todkranken wird thematisiert. Kann es Trost geben für einen jungen Menschen, der seinen baldigen Tod vor Augen hat? Und: Darf er sich alles rausnehmen, weil er Krebs hat? Muss seine Umgebung für alles Verständnis haben, das er tut?

Mit „Over 9000“ haben die Jugendlichen ein Thema gewählt, das alle angeht. Schon das macht es besonders. Zudem haben sie sich diesem Thema mit viel Tiefgang, aber auch mit Witz gestellt. Donalds Ausflüge in seine Superhero-Welt, die Sexphantasien des pubertierenden Jugendlichen — Frau mit Superbusen und Wespentaille — sind äußerst unterhaltsam. Tieftraurig, tröstlich und stellenweise sehr witzig: „Over 9000“ gräbt sich tief ein.

Roman, Stück und ein heikles Thema
Der Roman „Superhero“ des Neuseeländers Anthony McCarten ist in Deutschland schon mehrfach für die Bühne adaptiert worden. Der 2008 im Diogenes Verlag erschienene Roman ist auch verfilmt worden.



Der Titel „Over 9000“, den der Spielclub 1 seinem Stück gab, stammt aus einem Comic, trägt aber auch zum Witz des Stückes („über 9000 mal Sex“) bei.



Krebserkrankungen bei Jugendlichen hat auch der Erfolgsroman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green zum Inhalt. Der Jugendroman, 2012 in der deutschen Übersetzung erschienen, war auch bei erwachsenen Lesern ein großer Erfolg. 2014 kam die Verfilmung in die Kinos.



Nächste Vorstellung „Over 9000“: 15. Januar, 19 Uhr, Junges Studio

Liliane Jolitz

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