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Das Phänomen des Männererklärers

Lübeck Das Phänomen des Männererklärers

Er scheint der neue Messias zu sein für eine Generation, deren Analyse er sich zur Aufgabe gemacht hat. Na gut, nicht für die ganze Generation, sondern für die Frauen im Alter zwischen 20 und seinem: Michael Nast, Kolumnist aus Berlin, Jahrgang 1975.

Lübeck. Der Autor ist mit seinem dritten Buch „Generation Beziehungsunfähig“, das einen Monat nach Erscheinen Platz 1 der „Focus“-Bestsellerliste erobert hat, auf Lesereise. Er gastiert in 70 Städten, bis zu 1200 Menschen pro Auftritt hängen an seinen Lippen. In Lübeck füllt er locker das Kolosseum.

 

LN-Bild

Es gibt Parallelen zwischen Dating-Apps und Online-Shops: Menschen werden zur Katalogware.“Michael Nast

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In dem wird so viel gekichert, dass es Nast mehrfach die Sprache verschlägt. Dabei hat sich der Lübeck-Unkundige vorher bei einem Einheimischen schlau gemacht, ob denn der Hanseat an der Trave genauso ticke wie der Hanseat an der Elbe. Nee, hieß es, die Lübecker seien schon spezieller, mit denen werde man nicht so fix warm. Das Auditorium, zu mindestens 95 Prozent Frauen, prustet wieder los.

Nach ein, zwei Minuten auf der Bühne zieht Nast sein Jackett aus: Das mit dem Warmwerden ging dann doch viel schneller als gedacht. Vielleicht auch deshalb, weil ihn das fröhliche Publikum immer wieder aus dem Konzept bringt. Der rote Faden für seine Einstiegsworte rollt jedenfalls ein paarmal unauffindbar durch den Saal wie die umgestoßenen Prosecco- und Bier-Flaschen.

Als sich der Autor und seine Zuhörerschaft einigermaßen gefangen haben, beginnt der nicht zwangsläufig ernstere Teil des Abends. Nast, der mit seinen Kolumnen unter anderem die Leserschaft der Frauenzeitschrift „Freundin“ geradezu elektrisiert, trägt hauptsächlich Texte aus seinem aktuellen Bestseller vor. Der und seine Vorgänger „Ist das Liebe oder kann das weg?“ und „Der bessere Berliner“ haben ihm den Ruf eingebracht, er sei das Sprachrohr seiner Generation. Aber warum?

Wer lässt sich schon gern auf seine Ticks hinweisen?

Ein paar versprengte Ü-50-Zuhörer im Kolosseum wollen sich offenbar nicht nur Nasts Generation erklären lassen, sondern auch wissen, womit dieser Mann die Massen so bewegt. Er halte der „Generation Beziehungsunfähig“ den Spiegel vor, heißt es im Klappentext seines Buches. Aber wer lässt sich schon gern auf seine Ticks und Unzulänglichkeiten hinweisen? Da muss noch viel mehr passieren als nur das, sonst wären doch die Einschaltquoten für seine Lesungen, Bücher und Kolumnen nicht so hoch, dass auf manchen Plattformen die Server abstürzen.

Nast spricht über verkorkste Beziehungsanbahnungen, krisengebeutelte Paare, Fluch und Segen von Dating-Apps, scheiternde Lebensentwürfe und Fitness-Studio- Karrieren, sexsüchtige Freunde sowie das unterschiedliche Hygiene- und Ordnungsbewusstsein von Männern und Frauen. Das Publikum kugelt sich vor Lachen, wenn der Autor von seiner aus dem Ruder laufenden Geburtstagsparty berichtet, und wird dann doch erstaunlich still bei eher staatstragenden Einlassungen: „Dating-Apps kultivieren die Unverbindlichkeit.“ „Beziehungen sind Arbeit.“ „Männer sind nicht für die Monogamie geschaffen.“ „Wer sich nur auf sich selbst beschränkt, der verpasst alles andere.“ „Wir führen ein Doppelleben: virtuell und real.“

Vertrauenswürdiger Überläufer aus Feindesland

Das alles hat man schon mal gehört, vielleicht noch ein wenig pointierter, witziger, bissiger. Manches davon klingt sogar ziemlich moralinsauer, aber es trifft die angesprochene Generation voll ins Herz. Nast räumt ein, dass er sich mit typischen Mittelschichts-Luxusproblemen beschäftige — aber die brennen offensichtlich vielen unter den Nägeln.

Seine Kolumnen gelten als wahre Beziehungsratgeber und seine Kritik beispielsweise an den sozialen Medien, mit deren Hilfe viele Menschen Potemkinsche Dörfer rund um ihr eigenes Ich erbauten, kommt an. „Vielleicht deshalb, weil man sich freut, dass einer wie er ähnlich schlechte Erfahrungen macht oder blöde Phasen durchlebt wie man selbst und trotzdem so locker darüber spricht“, versucht eine Zuhörerin den Zauber zu erklären, der Nast umgibt.

Der ist abgebrochener Buchhandelslehrling, Gründer zweier Plattenlabels, Mitarbeiter in Werbeagenturen — und gilt dennoch als der Männererklärer schlechthin. Vielleicht ist das sein größter Trumpf:

Michael Nast scheint der vertrauenswürdige Überläufer aus Feindesland zu sein, der den Frauen endlich mal — wenigstens in Ansätzen — begreiflich machen kann, wie die Spezies Mann eigentlich tickt.

Und er macht das wirklich sehr charmant. . .

Erfolgreich mit dem „Großstadtkolumnen“-Blog

Michael Nast wurde 1975 in Berlin geboren und wohnt immer noch in der Metropole, „in der so viele Singles leben wie nie zuvor“. 2007 startete er sein „Großstadtkolumnen“-Blog, das schnell sehr bekannt wurde. Ein Jahr später erschienen einige dieser Gesellschafts-Skizzen als Hörbuch, das er mit dem Schauspieler Oliver Korittke, einem bekennenden Fan, einlas. 2009 brachte Nast sein erstes Buch heraus: „Der bessere Berliner“. Fünf Jahre später folgte der Titel „Ist das Liebe oder kann das weg?“ Die Kolumne „Generation Beziehungsunfähig“ war im vergangenen Jahr einer der erfolgreichsten deutschen Online-Texte. Zu den vielen Ritterschlägen gehört, dass einige von Nasts Kolumnen inzwischen Bestandteil des französischen Lehrplans sind.

Das Buch „Generation Beziehungsunfähig“ ist bei Edel erschienen, hat 239 Seiten und kostet 14,95 Euro.

Von Sabine Räth

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