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„Das Publikum erwartet die perfekte Illusion — wie im Film“

Lübeck „Das Publikum erwartet die perfekte Illusion — wie im Film“

Auftritte von Fabienne Conrad sind großartige Spektakel. Heute gastiert sie wieder in „Hoffmanns Erzählungen“ an der Lübecker Oper.

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Lübeck. Wir befinden uns in einem Etablissement voller Menschen, die sich offenbar von einem strengen Personal aufhübschen lassen. Schönheitschirurgie und harmlosere Körper-Optimierungen werden vorgenommen. Dazwischen macht sich eine schrille Rothaarige bemerkbar, die wie aufgezogen agiert neben einem abgehangenen Herrn mit Sonnenbrille, den sie umgarnt und betört. Und sie singt mit Hingabe und Koloraturverliebtheit den etwas einfältigen Text „Les oiseaux dans la charmille“, misst sich mit einem Bodybuilder und einem imposanten Bikini-Model, wickelt sich in Mullbinden, bringt zuletzt ihre groteske, künstliche Oberweite mit einer Injektionsnadel zur Explosion.

Solch eine Szene kann an der Oper nur Florian Lutz bieten. Der Regisseur macht aus der Olympia-Episode in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach ein großes Spektakel — und er schont seine Sängerin nicht. Fabienne Conrad muss sich als künstliche Dame Olympia körperlich und stimmlich völlig verausgaben. Die Sopranistin selbst sagt über ihren Parforceritt durch den Lübecker „Hoffmann“:

„Das ist schon eine sportliche Herausforderung. Aber, ich denke, man sieht es auch: Es macht unendlichen Spaß.“

Mut zur Karikatur

Die Französin ist ein sängerisches und darstellerisches Ereignis. Sie verkörpert nicht nur Olympia, sondern alle vier weiblichen Projektionen des Dichters Hoffmann: die Primadonna Stella, die am Gesang zugrunde gehende Antonia, die Spielerin Giulietta. Alles unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichem Timbre.

Sitzt man der Sängerin abseits der Bühne gegenüber, erkennt man an ihrer Präsenz, an den blitzenden Augen die ganze Bandbreite der Temperamente wieder. Fabienne Conrad drückt es so aus: „Ich lebe für die Bühne, da fühle ich mich zuhause. Nun gut, ich habe auch ein Leben außerhalb des Theaters, aber was zählt das schon.“ Sie sei mit dem Regiekonzept völlig einverstanden. „Florian Lutz und ich haben meine Figuren und die szenischen Ideen gemeinsam entwickelt“, mit viel Vergnügen an Überspitzung und an der Karikatur der Beauty-Gesellschaft.

Die schauspielerischen Erwartungen an Opernsänger seien heute so anspruchsvoll, dass man mehr als eine brillante Stimme mitbringen müsse, sagt sie. Nämlich das Talent zur Komödiantin, zur Tragödin und zur Diva. Und etwas artistische Körperbeherrschung kann auch nicht schaden. „Das Publikum erwartet die perfekte Illusion, wie sie es aus dem Film kennen“, sagt Fabienne Conrad. „Wenn man die Menschen berühren will, muss man ihnen eine ausgefeilte Erscheinung bieten.“

Sopranistin aus Zufall

Die Offenbach-Oper ist ihr Debüt in Deutschland, ihr Kollege und Landsmann Jean-Noël Briend, der den verruchten Dichter E. T. A. Hoffmann singt, hat sie der Lübecker Theaterleitung empfohlen.

Man sollte angesichts ihrer Bühnenqualität annehmen, die Sopranistin sei das, was man am Theater als alten Hasen bezeichnet — eine mit allen Opernwassern gewaschene und durch eine zielstrebige Karriere gestählte Sänger-Heroin. Doch Fabienne Conrad kam nur durch Zufall und auch relativ spät zum Gesang. Nach ihrem Abitur in Dijon studierte sie zunächst Politikwissenschaft in Paris. Während des Studiums inszenierte sie mit einer Amateurtruppe die „West Side Story“ und sang darin auch die Maria. Gesangsunterricht hatte sie bis dahin noch nie. „Ich wollte eigentlich nur Theater spielen.“

Ein Sänger der Pariser Oper war im Publikum und drängte sie, ihre Stimme ausbilden zu lassen. Doch zunächst beendete sie ihr Studium und arbeitete dann in der Presseabteilung einer Bank. Singen betrachtete sie weiterhin als Hobby, aber die Gesangslehrer, denen sie sich anvertraut hatte, ließen sie schnell in Konzerten und bei Oratorien auftreten. „In die Oper bin ich dann nach und nach hineingerutscht“, sagt sie fast etwas peinlich berührt angesichts dieses glücklichen Aufstiegs in den Olymp.

Auftritt vor gekrönten und politischen Häuptern

Im Herbst 2014 erlebte Fabienne Conrad dann einen Höhepunkt der Anerkennung: Im flandrischen Ypern waren König Philippe, die belgische Regierung und ausländische Staatsgäste, darunter auch Angela Merkel, ihr Publikum bei einer Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Sie sang die sehnsuchtsvolle Mond-Arie aus Antonin Dvoraks Oper „Rusalka“ in einer mehr als opulenten klatschmohnroten Robe, die auch noch wasserfest sein musste. Ihre Bühne war ein seichtes Becken, Symbol für die Flutung des Geländes während der Ypernschlacht.

Was steht in ihrem Sängerinnenleben weiter an? Zunächst singt sie in Paris, wo sie auch wohnt, „La traviata“, dann wird sie erstmals in Leipzig gastieren. Ob sie für ein weiteres Engagement in Lübeck zu haben wäre? „Die Operndirektorin denkt darüber nach, ich denke darüber nach.“ Das macht Hoffnung.

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Michael Berger

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