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Das Schmerzhafte und das Leichte

Kiel Das Schmerzhafte und das Leichte

Ein Tag im Leben einer Multitasking- Mutter in Kiel: Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ seziert den Alltag einer Frau um 40.

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Kiel. Nichts ist mehr, wie es war, seit Katharina dieses Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Seit sie darum herumfühlt, lieber nicht zum Arzt geht und sich der Verdrängung überlässt. Anderweitig gibt es zuhause in Kiel schließlich genug Handlungsbedarf: In der Schule wartet Tochter Helli mit blutender Nase auf Abholung. Im Garten hat sich Nachbar Theo gerade den Daumen abgemäht. Am Nachmittag sorgt Kilian, der Kommilitone von einst, für gemischte Gefühle. Und dann ist da noch die musikalische Früherziehung, die Katharina jetzt dringend absagen muss.

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Ein Tag im Leben einer Multitasking- Mutter in Kiel: Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ seziert den Alltag einer Frau um 40.

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Es ist ein Zustand zwischen den Stühlen, ein Jonglieren mit Notfällen und Alltag, in dem die Protagonistin in Mareike Krügels neuem Roman „Sieh mich an“ an diesem Tag im Winter herumstrudelt. Eine Multitasking-Mutter um die 40, die alles im Griff hat außer sich selbst.

Mareike Krügel hat schon öfter erzählt von diesen Momenten, an denen das Leben aus der gewohnten Spur läuft. Zuletzt, in „Bleib wo du bist“, war es ein schlichter Ortswechsel. Hier ist es ein Krankheitsverdacht. Und daran zeigt sich zügig, dass vieles schon länger nicht mehr normal war in Katharinas aufgescheuchtem Kieler Leben, zu dem auch noch ein 17-jähriger Sohn mit Hang zum Musical gehört, die nervös egozentrische Musikerin-Schwester und ein Ehemann, „der für seine Familie fast nur noch telefonisch zur Verfügung steht“.

Auch an diesem Wochenende ist Costas nicht da; aber dass er Katharina gern dabei hätte, bei der Firmenparty in Berlin, das schreibt er per SMS. Zwischen innerem Monolog und äußerem Erleben entwickelt Mareike Krügel über einen einzigen Tag ein zeittypisches Frauenporträt. Inklusive abgebrochener Promotion, versandenden Karrierewünschen, Kinderchaos und einem abwesenden Mann. Nicht einmal vorsätzlich hat der sich ausgeklinkt; es ist eben so gekommen. Dagegen packt die praktische Katharina das Leben in Listen, solche wie „Themen, die mir den Schlaf rauben“ oder „Pfadfinderliste 5“.

Dazwischen hört man der Ich-Erzählerin zu bei ihren messerscharf sezierenden Beobachtungen des Tagesgeschehens und dem Rückblick auf ihr Leben, das sie aus kühler Distanz analysiert. Und man spürt, wie zwischen Einsatz und Erinnerung der Heldin ihr Pragmatismus langsam zu zerbröseln droht.

Bei Mareike Krügel wird daraus keine weinerliche Frauenstudie. Der Blick, den die Autorin, 1977 in Kiel geboren und heute mit zwei Kindern und Ehemann an der Schlei lebend, auf die Welt hat, ist dazu viel zu lakonisch. Außerdem frönt sie dem Faible für die Theatralik des Alltags und einer Form der Überalltäglichkeit, die das Schicksal ins Surreale kippt. Das spitzt die Schriftstellerin so gnadenlos wie genüsslich zu, irgendwo zwischen sardonischer Belustigung und wachsender Verzweiflung.

So balanciert die Geschichte auf einem sehr feinen Grat zwischen Tod und Leben, während sich die Heldin in ihrer Selbstbeobachtung zusehends verläuft. „Du solltest dich da sehen lassen“, rät die dauerkriselnde Helli mit erstaunlicher Hellsichtigkeit der zweifelnden Mutter zur Fahrt nach Berlin. Und so sitzt Katharina schließlich doch im Auto, auf dem Weg nach Berlin, zur Party, zu Costas und dem Moment, sich dem Etwas zu stellen. Da treffen wundersam die letzten Dinge voll auf das Leben, das Schmerzhafte auf das Leichte.

„Sieh mich an“ von Mareike Krügel, Piper-Verlag, 256 Seiten, 20 Euro

Autorin aus dem Norden

Mareike Krügel kam 1977 in Kiel zur Welt. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig das belletristische Schreiben und hat seit 2003 vier Romane veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Schleswig. 2006 wurde sie mit dem Kieler Friedrich-Hebbel-Preis ausgezeichnet.

Lesungen mit Mareike Krügel aus „Sieh mich an“: Dienstag, 5. September, Literaturhaus Hamburg, 19.30 Uhr; Montag, 2. Oktober, Das Druckwerk, Bad Segeberg, 20 Uhr

Ruth Bender

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