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Das Sterben der großen Wälder

Seattle Das Sterben der großen Wälder

Nur 250 Jahre dauerte es, bis die gewaltigen Wälder der USA zum großen Teil abgeholzt waren. Annie Proulx hat darüber einen Roman verfasst.

Per Eisenbahn wurden die geschlagenen Mammutbäume in Kalifornien zu den Sägewerken gebracht.

Quelle: Fotos: Akg, Interfoto, Dpa

Seattle. Annie Proulx ist 81 Jahre alt. Die Schriftstellerin und Journalistin, die erst mit 50 Jahren mit dem literarischen Schreiben begann, hat nach fast zehn Jahren wieder einen Roman vorgelegt: „Aus hartem Holz.“ Wie der Titel, so das Buch: Es ist hart, relativ schwer und vor allem ausgesprochen umfangreich. 889 Seiten umfasst die deutsche Übersetzung der Saga über die Familien von zwei französischen Auswanderern, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Kanada kommen und beide in der Holzwirtschaft ihr Glück machen wollen. Die eigentlichen Helden dieses Romans sind aber nicht die Menschen, sondern die Bäume. Was den Einwanderern in der Barockzeit nicht nur als unheimliche grüne Mauer erschien, sondern als unerschöpflicher Reichtum an Holz, erweist sich im Laufe der Jahrhunderte, in denen der Roman spielt, als verletzliches, rasch zu zerstörendes Biotop.

LN-Bild

Nur 250 Jahre dauerte es, bis die gewaltigen Wälder der USA zum großen Teil abgeholzt waren. Annie Proulx hat darüber einen Roman verfasst.

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Einer der beiden Franzosen, René Sel, verdingt sich als Holzfäller. Diese Arbeit hat er schon in Frankreich ausgeführt, nach Jahren harten Schaffens ist René Sel schließlich quitt mit seinem Lehnsherren und er erhält das ihm zugesprochene Land. Sein Reisegefährte Charles Duquet ist weitaus gerissener. Er flieht von der Arbeit und macht in Boston eine Holzhandlung unter dem Namen „Duke and Sons“ auf. Die Lebenswege der beiden Neu-Amerikaner sind so unterschiedlich, wie man es sich nur denken kann. René Sel heiratet eine Indianerin, seine Familie wird am eigenen Leibe erfahren, dass mit den Wäldern auch die Menschen und die Tiere sterben. „Duke and Sons“ wird zu einer der größten Firmen im Holzgeschäft, beschäftigt immer mehr Holzfäller-Kolonnen, baut eigene Sägewerke und holzt nach den Küstenwäldern auch die mit wertvollen Bäumen bestandenen Regionen im nordamerikanischen Binnenland ab. Die Firma wird zum Weltkonzern, vergreift sich auch an den Urwäldern Neuseelands und an den Mammutbäumen der US-Westküste. Immerhin wird einer der Dukes in Neuseeland durch kannibalische Maori zum Festtagsbraten degradiert – wenigstens eine kleine Rache für die Vernichtung der Wälder auf den Inseln.

Annie Proulx hat die Geschichte der Holzindustrie gründlich recherchiert, auch mit der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner ist sie als studierte Historikerin bestens vertraut. Die Foltermethoden, mit der die Irokesen ihre Feinde bestraften, beschreibt sie mit eisiger Kälte: Ein Mann wird an einen Baum gehängt, nachdem man ihm sämtliche Körperöffnungen zugenäht hat – irgendwann platzt der Leib des Opfers zur Freude der Irokesen. Aber solche Grausamkeiten sind nur ein Nebenaspekt in der groß angelegten Geschichte, die erst in unseren Tagen endet.

„Aus hartem Holz“ ist ein Lehrbeispiel, wie Gier nach Geld Natur vernichtet und wie spät – wenn überhaupt – sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man auch scheinbar unerschöpfliche Wälder nachhaltig bewirtschaften muss, wenn die kommenden Generationen von ihnen profitieren sollen. Der Umschwung bei der Firma „Duke and Sons“ kommt durch einen deutschen Förster, der in die Familie einheiratet und eine moderne Waldwirtschaft einführt.

Erzählt ist diese Geschichte stringent, manchmal sogar ein wenig zu hastig. Der Niedergang der Familie Sel, die unter der Rassendiskriminierung zu leiden hat und die oftmals vor dem Hungertod steht, hätte mehr Raum verdient gehabt. Es fehlt diesem Roman auch eine gewisse mystische Ebene, die zum Beispiel in Proulx’ Roman „Schiffsmeldungen“ sehr gut gelungen ist, ohne in Spökenkiekereien abzugleiten. „Aus hartem Holz“ ist auch nicht so originell wie die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“, die so erfolgreich verfilmt wurde. Aber der Roman ist ganz wunderbarer Lesestoff, ein hervorragender Begleiter, wenn das Aprilwetter zu schlecht ist, um einen Waldspaziergang zu machen.

„Aus hartem Holz“ von Annie Proulx, Luchterhand, 889 Seiten, 26 Euro.

Später Aufbruch in die Literatur

Annie Proulx wurde 1935 in Norwich (Connecticut) geboren, ihr Vater war Frankokanadier. Proulx studierte Geschichte und machte 1969 ihr Examen (B.A.) an der Universität von Vermont. Anschließend studierte sie in Montréal (Kanada) an der Sir George Williams-Universität weiter und schloss dort 1973 mit dem Master of Arts ab. Zunächst begann sie als Journalistin und Sachbuchautorin zu schreiben. Erst spät, mit über 50 Jahren, wandte sie sich der Belletristik zu und veröffentlichte mit 57 Jahren ihren ersten Roman, „Postcards“, für den sie den PEN/Faulkner Award erhielt. Sie lebte mehr als 30 Jahre in Vermont, war dreimal verheiratet, hat drei Söhne und eine Tochter. In ihrem 60. Lebensjahr zog sie nach Wyoming, wo sie sich u.a. zu ihrer Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ (1997) inspirieren ließ. Seit einigen Jahren lebt sie in Seattle.

 Jürgen Feldhoff

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