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Kultur im Norden Spiel bis zur Erschöpfung
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19:25 01.12.2018
Exzessives Spiel um Leben und Tod: Schauspieler und Tänzer liefern Höchstleistungen ab, um die permanente Überforderung unserer Zeit darzustellen. Quelle: Foto: Kerstin Schomburg
Lübeck

Es war ein seltsamer Theaterabend. „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“ von Sivan Ben Yishai bot ausgezeichnet inszenierte (Marie Bues) und choreografierte (Nicki Liszta) permanente Aktion auf der Bühne – und das bei einem Stück, in dem es keine durchgehende Handlung gibt, in dem stattdessen Motive aneinandergereiht werden. Postdramatisches Theater eigentlich, das Stärken und Schwächen dieser postmodernen Spielart der Bühnenkunst aufzeigte. Und das viele der Premierenbesucher eher ratlos zurückließ.

Aber vielleicht ist es ganz einfach der falsche und gnadenlos altmodische Ansatz, wenn man aus einer Theateraufführung etwas für sich mit nach Hause nehmen will. Vielleicht ist es viel mehr der heutigen Medienästhetik und der elektronischen Informations-Hetze geschuldet, wenn die klassische Form des Schauspiels am Theater Lübeck immer seltener zu erleben ist. Man muss diese Entwicklung nicht mögen, aber man muss sich mit ihr zumindest auseinandersetzen. Aber das wird bei dieser Koproduktion des Theaters Lübeck, des freien Theaters Rampe aus Stuttgart und des freien Tanztheaters backsteinhaus produktion aus Berlin ausgesprochen schwierig. Deshalb ist es am besten, ganz einfach zu beschreiben, was auf der Bühne der Kammerspiele geschieht und erst danach zu fragen, was dieser Abend zu bedeuten hat.

Es war ein seltsamer Theaterabend: „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“ von Sivan Ben Yishai bot ausgezeichnet inszenierte (Marie Bues) und choreografierte (Nicki Liszta) permanente Aktion auf der Bühne – und das bei einem Stück, in dem es keine durchgehende Handlung gibt.

Es beginnt mit einer Video-Einspielung, die eine Frau zeigt, die durch enge Gassen und Passagen von einem Mann verfolgt wird. Diese beiden stehen plötzlich auf der Bühne und bieten einen expressiven Pas de deux hinter einer Glaswand. Diese ist mit einer Art Katzenklappe ausgestattet, durch die die Tänzer und Spieler in den vorderen Bühnenraum entkommen können – ein eindringliches Bild (Ausstattung: Claudia Irro). Dann kommen die Schauspieler hinzu – es beginnt ein fast pausenloser Redeschwall.

Es wird auf Nosferatu komm‘ raus philosophiert, es wird perfekt synchron gesprochen, die Wortkaskaden, die allein Rachel Behringer von sich zu geben hat, erscheinen endlos und in ihrer Machart unmenschlich. Was Regisseurin und ihre Darsteller-Riege in dieser Hinsicht geleistet haben, ist nicht hoch genug einzuschätzen, es steckt unglaublich viel Arbeit in dieser Inszenierung.

Unerträglicher Leistungsdruck

Rachel Behringer verkörpert eine junge Frau, die um jeden Preis den Erfolg sucht und sich dadurch unter einen unerträglichen Leistungsdruck setzt. Das ist eines der nachvollziehbaren Motive dieses Dramas, das eigentlich gar keines sein will. Eine zweite junge Frau wird von Sophie Pfennigstorf gegeben, die fast während des gesamten Stückes einen goldenen Motorradhelm tragen muss. Sie ist zu Tode erschöpft und zudem in die Hände einer Gruppe von Organhändlern geraten, die ihr ein inneres Organ nach dem anderen entnehmen.

Dann ist da noch der homosexuelle Makler (Niko Eleftheriadis), den es aus Paris in die Provinzstadt Rennes verschlagen hat, wo es ihm zunächst nicht gelingt, seine Neigungen auszuleben. Bis er schließlich über eine App in der schwulen Untergrundszene der Stadt landet. Sex und Drogen aber helfen ihm letztlich auch nicht weiter, ebenso wenig seine endlosen Litaneien. Kommentiert werden die philosophisch zumindest anmutenden Auslassungen vom Chor der Untoten, drei Spielarten von Nosferatu, die von Astrid Färber, Will Workman und Heiner Kock gespielt werden. Es geht um syrische Flüchtlinge, um Kapitalismus, um Aids und Krebs – Krankheiten, die die Pest unserer Zeit darstellen sollen. Im „Nosferatu“-Film von 1922 hat der Vampir die Pest mit sich gebracht – es ist ein interessanter Ansatz, die „modernen“ Krankheiten als Fortsetzung der Epidemie mit anderen Mitteln zu sehen.

Sehenswerte Choreographien

Was diesen Abend auch sehenswert macht, sind die Choreographien von Nicki Liszta. Ihre vier Tänzerinnen und Tänzer (Chloé Beillevaire, Andreia Rodrigues, Steven Chotard und David Ledger) agieren mit einer Ausdruckskraft, die weitaus mehr leistet, als den Text von Sivan Ben Yishai zu kommentieren und zu unterstützen. Diese Ausdruckskraft stellt den Text schlicht und einfach in den Schatten.

Bleibt die Frage nach dem Sinn. Aber vielleicht sollte man sie besser nicht stellen und einfach die starken Bilder auf sich wirken lassen. Denn nicht alles muss einen Sinn haben in dieser Welt, offensichtlich. Rechnet man den wie bestellt wirkenden Jubel der Claqueure aus dem Schlussapplaus heraus, bleibt freundlicher Beifall. Mehr aber auch nicht.

Nächste Vorstellungen: 2. und 22. Dezember, Kammerspiele Lesung: Dienstag, 4. Dezember, 20 Uhr, Junges Studio: Heiner Kock und Johann David Talinski lesen Texte über Untote aller Art, Vampirgeschichten und Texte über Zombies unserer Zeit. Stadtspaziergang: Lübeck auf den Spuren von Vampir und Pest am 3. Dezember und am 18. Januar jeweils um 17 Uhr. Treffpunkt: Aegidienkirche.

Jürgen Feldhoff

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