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Hannover Das Unfassbare fassen

„Einer von uns“: Åsne Seierstads große Reportage über den Massenmörder Anders Breivik und die Opfer.

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Nach dem Massaker: Norwegische Fähnchen und Blumen am Ort des Verbrechens. Auf der Insel Utøya und in Oslo hat Breivik 77 Menschen getötet.

Quelle: Lefteris Pitarakis/ap

Hannover. Die Taten machen fassungslos. Am 22. Juli 2011 zündete Anders Behring Breivik vor einem Regierungsgebäude in Oslo eine selbstgebaute Bombe. Bei der Detonation kamen acht Menschen ums Leben. Danach fuhr er auf die kleine Insel Utøya, auf der die Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei ein Sommerferienlager veranstaltete. Wahllos erschoss Breivik hier 69 Menschen, zumeist Jugendliche. Danach ließ er sich widerstandslos festnehmen.

LN-Bild

„Einer von uns“: Åsne Seierstads große Reportage über den Massenmörder Anders Breivik und die Opfer.

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Die Kriegsreporterin

Åsne Seierstad , geboren 1970 in Oslo, ist Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin für mehrere internationale Zeitungen und zugleich Autorin von Sachbüchern („Der Buchhändler aus Kabul“, 2002).

„Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“ , Kein & Aber Verlag, 544 Seiten, 26 Euro (erscheint am 6. Mai).

Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat jetzt die Geschichte des Massenmörders Breivik aufgeschrieben. Sie hat akribisch recherchiert, sie schreibt, wie man eine gute Reportage schreiben muss: klar, anschaulich und immer in dem Bestreben, alles zu notieren, was zur Geschichte gehört.

Da ist natürlich Breiviks Leben: Åsne Seierstad schildert ihn als Außenseiter. Der Vater hat früh die Familie verlassen, die Mutter ist psychisch labil. Der junge Breivik wird ein Aufschneider, ein Lügner, er ist schlau, er ist brutal. Viele haben Angst vor ihm. Seierstad erzählt, wie sich Breivik fünf Jahre in sein Zimmer zurückzog und „World of Warcraft“ spielte. Eine Anleitung zum Krieg? Und da sind die Opfer. Die Autorin berichtet von Familien, von Kindern, die sich entschieden haben, politisch aktiv zu sein. Und sie berichtet von der Katastrophe, die diese Familien heimsucht.

Sie erzählt vom Tag des Überfalls auf die Insel. Von Kindern, die den Attentäter angefleht haben, dass er sie am Leben lasse, und die doch von ihm getötet wurden. Von Jugendlichen, die anderen Jugendlichen helfen wollten und dafür mit ihrem Leben bezahlten. Von der Kaltblütigkeit, mit der Breivik, der sich als Polizist verkleidet hatte, die kleine Insel durchstreifte und jeden niederschoss, den er traf. Sie erzählt von der Festnahme, von den Verhören, von der Gerichtsverhandlung und von den Gutachten der Psychologen, die Breivik eine narzisstische und antisoziale Persönlichkeitsstörung attestierten. Sie erzählt von den Haftbedingungen (eine auf dem Tisch festgeklebte Schreibmaschine) und sie erzählt von der langen Trauer in den Familien, die bei dem Massaker auf der Insel ein Kind verloren.

Das alles muss in einer guten Reportage über die Katastrophe vorkommen. Seierstad erzählt sachlich, aber nie kühl. Ihre Familienporträts sind erschütternd. Die Autorin kommt den Betroffenen sehr nah.

Eindringlich schildert sie das Entsetzen und die Trauer von Eltern, Geschwistern und Freunden.

Jedem Kapitel hat die Autorin ein Zitat vorangestellt. Das erste stammt aus dem Roman „Dr. Glas“ des schwedischen Schriftstellers Hjalmar Söderberg: „Man will geliebt werden, mangels dessen bewundert, mangels dessen gefürchtet, mangels dessen gehasst und verachtet. Man will irgendein Gefühl in den Menschen wecken. Die Seele schreckt vor der Leere zurück und sucht um jeden Preis Kontakt.“ Es klingt wie eine Erklärung, so, als könnte man damit den Fall Breivik verstehen. Und es passt zu „Einer von uns“, diesem merkwürdigen Titel des Buches, mit dem die monströse Tat nicht als unerklärlich weggeschoben und der Täter nicht ausgegrenzt wird.

Breivik soll einer von uns sein? Diese Vorstellung schockiert. Aber genau darum geht es ja in Büchern wie diesem: das Unfassbare zu fassen. An anderer Stelle aber wächst das Unverständnis.

Fassungslos liest man, dass das Massaker auf der Insel hätte verhindert werden können. Früh schon warnte das Jugendamt vor „einer ernsthaften Entwicklungsstörung“ bei Breivik. Die Unterbringung des Jungen in eine stabile Pflegefamilie wurde vorgeschlagen. Breiviks Mutter aber wehrte sich gegen den Entzug des Sorgerechts. Die erste Chance war vertan.

Vor dem Attentat, als Breivik mit dem Bau der Bombe beschäftigt war, redete er auf einen fremden Mann im Zug ein. Der notierte sich zwar dessen Telefonnummer, konnte ihn später aber nicht mehr erreichen. Das wäre vielleicht auch eine Chance gewesen. Am Tag des Attentats sah ein Zeuge, wie ein Mann in einer Polizeiuniform im Regierungsviertel einen Lieferwagen bestieg. Der Zeuge gab seine Beobachtungen an die Polizei weiter. Man hatte das Kennzeichen, das Fahrzeug, man wusste, dass sich Breivik als Polizist verkleidet hatte. All diese Informationen standen auf einem gelben Haftzettel am Monitor eines Polizeibeamtin. Und dort blieben sie lange Zeit.

Auch ein Polizeihubschrauber, hätte helfen können Breivik frühzeitig zu fassen. Doch die Besatzung des einzigen Polizeihubschraubers im Lande hatte Urlaub. Die Meldung eines der Piloten, den Hubschrauber trotzdem zu fliegen, wurde nicht weitergegeben.

Seierstad listet Fehler um Fehler auf. Und das macht diese traurige Geschichte noch viel trauriger. Die Fassungslosigkeit, mit der man das Buch aus der Hand legt, gilt nicht nur dem Massenmörder Breivik.

Von Ronald Meyer-Arlt

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