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Das Versprechen des Rock’n’Roll

Das Versprechen des Rock’n’Roll

Mit einem dreistündigem Spektakel sorgte Neil Young für ein Glanzlicht in Roskilde. Gestern ging das Festival zu Ende.

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70 Jahre und kein bisschen müde: Die kanadische Rocklegende Neil Young ist auf die Natur gekommen und zelebriert drei Stunden lang den Traum von einer besseren Welt.

Quelle: Fotos: Dpa

Roskilde. Kosmos Roskilde, für acht Tage im Jahr viertgrößte Stadt Dänemarks. 135 000, die den Pass der Glückseligkeit tragen, darunter allein 32 000 freiwillige Helfer. Der Regen kommt kurz, der Regen zieht vorbei – zum Glück. Am Freitag zieht ein Gewitter über das Gelände westlich von Kopenhagen hinweg – ein Rock-Gewitter. Neil Young liefert den vorläufigen Höhepunkt des 46.

LN-Bild

Mit einem dreistündigem Spektakel sorgte Neil Young für ein Glanzlicht in Roskilde. Gestern ging das Festival zu Ende.

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Roskilde Festivals, ein dreistündiges Spektakel.

Mutter Natur ist auf der Flucht, singt der 70-Jährige zum Auftakt in „After The Goldrush“. Zuvor hatten Farmersfrauen die Saat des Godfathers of Grunge ausgebracht. Denn Young ist auf die Natur gekommen oder vielmehr: bei ihr geblieben. Er werde in die Wälder Kanadas zurückkehren, sollte Donald Trump ins Weiße Haus einziehen. Dorthin, wo die Kröten singen und die Bienen summen, so wie auf „Earth“, dem neuen, geerdeten Live-Album, das der Polit-Schrat mit Promise Of The Real aufgenommen hat, Band um die Willie-Nelson-Söhne Lukas und Micah, die auch in Roskilde auf der Bühne stehen.

„Heart of Gold“, „The Needle And The Damage Done“, dann „Mother Earth“. Allein sitzt Neil Young an der Pump Organ, dann kommt die Band („Out On The Weekend“) und verjagt mit ihrem Rockgeschepper die bösen Männer mit den Pestiziden. Irgendwann ist Young der, der mit den Wölfen heult, mit den Kröten singt, mit den Bienen summt, seine Ode an das Grüne anstimmt.

Wo könnte das besser passen als hier in Roskilde, dieser temporären Hippie-Kommune, in die Neil Young schon zum fünften Mal zurückkehrt. Alles erneuerbar, wie die Axtschläge auf der legendären Les Paul „Old Black“, mit denen Neil Young die ersten Akkorde von „Keep On Rockin‘ In The Free World“ einleitet. 80 Minuten lang hatten die Red Hot Chili Peppers am Mittwoch auf der „Orange Scene“ ihr routiniertes Set heruntergerotzt. An derselben Stelle löst Neil Young zwei Tage später das Versprechen des Rock’n’Roll ein, erhebt das Brachiale zur Pose. 20 Minuten lang „Love And Only Love“ als Zugabe, dann sind drei Stunden vorbei. Vielleicht war Neil Youngs Musik nie relevanter.

Kein Sir, kein Boss, kein Prince in diesem Jahr auf der „Orange Scene“, aber jede Menge Spaßfaktor. Jumping around („Jump Around“) mit House of Pain, danach der Chorus-getriebene Hip-Hop-Zirkus von Macklemore & Ryan Lewis: „Thrift Shop”, „Can’t Hold Us“ – alles tanzt, alles feiert, und Rapper Macklemore quatscht den 60 000 mit seinen friedensstiftenden Peace-Plattitüden ein Ohr ab. Das als Hommage an Ziggy Stardust/David Bowie in den Roskilde-Kosmos geschmetterte „And We Danced“ bringt Jung und Alt dennoch zur hemmungslosen Hippie-Knutscherei. Berückende Däninnen, baumstammstarke Wikinger decken sich mit Regenmänteln ein. Der Umsatz blüht, einzig der Regen spielt nicht mit. Insgesamt bleibt es trocken. Jack Black und Kyle Gass aka Tenacious D mit ihrem Led-Zeppelin-Queen-Who goes Monty Python, das herzlich und witzig ist und vor allem von großem Können an den Akustik-Gitarren zeugt, saufen auf der Orange Stage irgendwie ab. Dass Jack Black zum Schießen komisch ist, war allen klar. Aber hey, der Typ kann auch noch singen (am liebsten im Falsett). Dann weiter, immer weiter schwimmen, hinein in die Gewässer von „Bad Girl“ Elle King („Ex’s & Oh’s“), zu den Break Beats von Santigold, vorbei an Claire Boucher aka Sci-Fi-Pop-Chanteuse Grimes oder mitten in die Manege des großen Pop-Rummels von Chvrches.

Die Fusion aus Grandezza und Noir der großen PJ Harvey überstrahlt alles. Ein schmaler Grat, auf dem die 47-jährige Polly Jean Harvey mit voller Kapelle und jeder Menge Kawumm und Töröö in Roskilde wandelt und von den Verlierern des Krieges, von ihren Reisen nach Afghanistan oder in den Kosovo singt. Der Kosmos Roskilde verneigt sich in Ehrfurcht. See you next year! Beim 47. Roskilde Festival vom 28. Juni bis 1. Juli 2017.

Festival mit politischem Anspruch

„Equality 2016 – Stand up for your rights“, lautete das Motto des diesjährigen Festivals. Für Irritationen sorgten Plakate, auf denen sich die Roskilde-Verantwortlichen das Recht vorbehalten, sämtliche Handy- und Internet-Kommunikation der Festival-Besucher „zu beobachten und Daten an unsere Partner weiterzugeben“. Die Banner („Sharing is caring“) erwiesen sich als Aktion der Aktivistengruppe The Yes Men und Edward Snowdens gegen Digitale Überwachung.

Der gesamte Gewinn des Festivals fließt an den Foreningen Roskildefonden, welcher das Geld an humanitäre, kulturelle und andere gemeinnützige Organisationen wie Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen, Human Rights Watch und viele dänische Organisationen weitergibt.

Tamo Schwarz

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