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Das eigene Leben als Fortsetzungsroman – Teil 7

Hannover Das eigene Leben als Fortsetzungsroman – Teil 7

Gerhard Henschel setzt seine Martin-Schlosser-Reihe mit „Arbeiterroman“ fort.

Hannover. Merkwürdig, dass einer, der den Alltag und das Gewöhnliche so feiert, so viel Wert darauf legt, seine Werke „Romane“ zu nennen. Aber warum eigentlich nicht?

Schließlich ist es der Autor, der die Gattung bestimmt; wenn der sagt, es ist ein Roman, dann ist es einer.

Sechs Romane, die das Wort Roman im Titel tragen, hat Gerhard Henschel bisher geschrieben: den „Kindheitsroman“, den „Jugendroman“, den „Liebesroman“, den „Abenteuerroman“, den „Bildungsroman“ und den „Künstlerroman“. Nun setzt er die Folge mit dem „Arbeiterroman“ fort.

Martin Schlosser, der Held all dieser Romane, dessen Kindheit und Jugend in den 1960er und 1970er Jahren, dessen familiäre und amouröse Situation in den 1980er Jahren seine Leserschaft in den vergangenen Romanen sehr genau kennengelernt hat, lebt jetzt – wir sind im Jahr 1988 – mit seiner Freundin Andrea in Oldenburg. Er ist zwar noch als Student immatrikuliert, hat es aber aufgegeben, die Universität zu besuchen. Er verdient seinen kärglichen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in der Spedition Rhenus, meint aber, er sei zum Schriftsteller berufen, und schreibt an einem Roman – aus dem am Ende doch nichts wird.

Aber er arbeitet auch an kleinen Geschichten – und aus denen wird durchaus etwas. Michael Rutschky, Redakteur der Zeitschrift „Der Alltag – Die Sensationen des Gewöhnlichen“, zeigt Interesse an dem jungen Schriftsteller aus Oldenburg. Beide, Rutschky und das „Alltag“-Magazin, hat Henschel dem wahren Leben entnommen. Auch das Satiremagazin „Kowalski“ druckt die eine oder andere Geschichte von Schlosser. Langsam scheint es bergauf zu gehen.

An anderer Stelle geht’s aber auch bergab: Irgendwann packt Freundin Andrea ihre Koffer und verlässt ihn. Einfach so. Man habe sich auseinandergelebt, sagt sie. Und Martins Mutter verliert den Kampf gegen den Krebs und stirbt. Über die Mutter schreibt Henschel (in der Rolle des Ich-Erzählers und Chronisten Martin Schlosser): „Jeden Sonntag hatte sie im Wohnzimmer gesessen und Kartoffeln geschält, während Werner Höfers Internationaler Frühschoppen lief. Ein vertanes Leben. Vier Kinder großgezogen und als Vergütung Werner Höfer, die Rudi-Carrell- Show, die Vierschanzentournee, ein Eigenheim, ein Dampfkochtopf, eine Einbauküche und ein Dutzend Auslandsreisen, von denen Dias zeugten, die kein Mensch sich ansehen wollte.“

Martin Schlosser pflegt einen grundrealistischen Blick auf die Welt, der Alltag ist ihm heilig, er ist allergisch gegen alles Aufgebauschte, steht fern jeder Religion, und mit Utopien hat er auch nichts am Hut. „Eine bittere Pille für die Maoisten: ,Junge Union Meppen verurteilt Vorgänge in China‘. So meldete es die couragierte und auch in Peking gefürchtete ,Meppener Tagespost‘, von der man ja wusste, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm“, lautet eine Bemerkung nach der Zeitungslektüre.

Plappergestalten wie den Rhetorikprofessor Walter Jens oder den Poststrukturalisten Friedrich Kittler mit seinem Geschwurbel vom „Signifikat“ und „Signifikant“ gehen Martin Schlosser gehörig auf den Geist. Seine Fundamentalkritik an Kittler klingt ganz bodenständig: „Nach diesem Buch waren Friedrich Kittler und ich geschiedene Leute.“

Dieser leicht naive Ton wirkt nicht aufgesetzt, sondern aufgelesen. Gerhard Henschel schreibt tief geerdet im Alltäglichen. Das ist eine große Kunst – und es entfaltet eine starke Sogwirkung. Ihm gelingt eine Art sprachlicher Hyperrealismus, und das ist der Treibstoff seiner gigantischen Zeitmaschine, die den Leser in die Vergangenheit wirft, in diesem Fall ans Ende der 1980er Jahre. Der Fall der Mauer spielt im „Arbeiterroman“ natürlich auch eine Rolle, aber Martin Schlosser nimmt ihn nur wie von fern wahr. Der Tod der Mutter, der Verlust der großen Liebe, das ist alles viel wichtiger als die Wiedervereinigung.

So ist das eben mit den Sensationen des Gewöhnlichen.

„Arbeiterroman“ von Gerhard Henschel, Hoffmann und Campe, 528 Seiten, 25 Euro.

Ronald Meyer-Arlt

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