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Das fliegende Auge von Hollywood

Berlin Das fliegende Auge von Hollywood

Michael Ballhaus galt als bester Kameramann der Welt. Jetzt ist der Erfinder des „Ballhaus-Kreisels“ gestorben.

Berlin. Wenn sich der Bundespräsident berufen fühlt, den Tod eines Künstlers zu betrauern, dann muss der Verstorbene einige Bedeutung erlangt haben. Im Fall von Michael Ballhaus, der in der Nacht zum Mittwoch mit 81 Jahren in Berlin gestorben ist, war das tatsächlich so, auch wenn der Kameramann nie als Star durch die Kinowelt geisterte.

Frank-Walter Steinmeier jedenfalls fand gestern angemessene Worte: „Michael Ballhaus war einer der größten Kameramänner der Filmgeschichte“, schrieb er an die Witwe Sherry Hormann. Steinmeier hatte im vergangenen Jahr die Laudatio gehalten, als Ballhaus bei der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet worden war, nun legte er nach: „Er hat das kulturelle Leben weit über unser Land hinaus bereichert.“

Die Berufsbezeichnung Kameramann passte eigentlich nicht für Ballhaus. Er selbst reklamierte den englisch Begriff „Director of Photography“ für sich – das klingt nach Lufthoheit über dem Filmschaffen und nach Kunst. Und um Filmkunst ging es ihm auch bei vielen Projekten. Zum Beispiel bei den 15 Filmen, die er gemeinsam mit Rainer Werner Fassbinder in den 1970er Jahren gedreht hatte.

Immer mit geringem Budget und großem Anspruch. Auch für die damals erfolgreichen Werke fand Bundespräsident Steinmeier gestern treffende Worte: „In den Bildern der gemeinsam entstandenen Filme spiegelte sich nicht nur die Zerrissenheit unseres Landes zu jener Zeit. Sie vermitteln uns vor allem den Mut zum kulturellen Aufbruch, der damals nicht weniger notwendig war als heute.“ „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, „Die Ehe der Maria Braun“ oder „Welt am Draht“ sind heute noch oft gezeigte und zitierte Filme. Den LN sagte Ballhaus zu seiner Arbeit mit Fassbinder einmal: „Das war eine harte Schule, und manchmal hatte ich das Gefühl, ich kann nicht mehr. Aber er war einfach der beste Regisseur zu dieser Zeit in Deutschland.“ Die Ergebnisse der Zusammenarbeit öffnete Ballhaus die Türen ins Kino-Paradies Hollywood.

Er bestand stets darauf, dass seine Bilder Geschichten erzählen sollten. Extravagante Kameraeinstellungen halfen ihm dabei. Auch die Technik der 360- Grad-Kamerafahrt, die als „Ballhaus-Kreisel“

in die Filmgeschichte eingehen sollte. Legendär seine Runde um die sich auf einem Flügel darbietende und singende Michelle Pfeiffer in „Die fabelhaften Baker Boys“ (1989). Ballhaus drehte in den USA mit Martin Scorsese, Robert Redford, Francis Ford Coppola und Wolfgang Petersen („Air Force One“, 1997). Etliche dieser Werke (siehe oben) sind weniger für ihre künstlerische, sondern für ihre Blockbuster-Qualität berühmt. Mit ihnen wurde Ballhaus fester Bestandteil der Hollywood-Gemeinde und ihrer Filmindustrie, einen Oscar erhielt er allerdings nie, obwohl er dreimal nominiert war Nach seiner Arbeit an dem Scorsese-Film „Departed – Unter Feinden“, einem Gangster-Epos mit Matt Damon und Leonardo DiCaprio, verließ er 2006 die USA. Seine erste Frau Helga war gestorben, die lange seine wichtigste Mitarbeiterin gewesen war. Und er wollte seine Kunst weitergeben: Von 2010 bis zu seinem Tod lehrte Ballhaus Kamera-Arbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. 2010 hatte er auch eine Gastprofessur an der Leuphana- Universität Lüneburg.

Nachdem der Bundespräsident den Verstorbenen ausführlich gewürdigt hatte, wollte auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gestern nicht zurückstehen. Er sagte, die Stadt prüfe, ob sie Ballhaus, der 1935 in Berlin geboren wurde, ein Ehrengrab spendieren könne. „Michael Ballhaus war unser fliegendes Auge in Hollywood“, ließ Müller wissen.

Michael Berger

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