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Das große Donnern

Das große Donnern

In Schacht-Audorf am Nord-Ostsee-Kanal fertigt die Firma Paiste Gongs für Rockbands und Orchester in aller Welt. Heute aber sind die Kunden meist andere.

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Roger Waters 1971 beim legendären Pink-FloydAuftritt in Pompeji am Paiste-Gong.

Quelle: Screenshot

Schacht-Audorf. Die Musik steigerte sich und wurde gewaltig, ein Rasen, ein Tosen. Irgendwann nahm Roger Waters einen Schlägel und bearbeitete den Gong. Er holte weit aus, wieder und wieder, wie im Rausch. Pink Floyd machten diesen Auftritt 1971 in Pompeji zu einer Legende, zu einer der großen Dokumentationen der Rockgeschichte. Und der Gong kam aus Schleswig-Holstein, aus Schacht- Audorf am Nord-Ostsee-Kanal.

LN-Bild

In Schacht-Audorf am Nord-Ostsee-Kanal fertigt die Firma Paiste Gongs für Rockbands und Orchester in aller Welt. Heute aber sind die Kunden meist andere.

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Dort, neben Einfamilienhäusern in einer stillen Seitenstraße, findet sich ein weißer Flachdachbau. „Paiste — Cymbals Sounds Gongs“ steht auf einem kleinen Schild an der Wand. Es ist das Firmenzeichen und ein Markenzeichen gleichermaßen. Becken und Gongs von Paiste haben einen guten Klang in der Welt, einen der besten. Und wenn man an Roger Waters denkt und die Wucht seiner Schläge, dann kriegt man eine Ahnung von der Kraft, die sich in der Fertigung eines Gongs verbirgt.

Gongs sind ein einfaches Prinzip. Eine Scheibe, ein Schlägel, und dann breiten sich die Wellen aus. Aber es geht um mehr als eine Scheibe und einen Schlägel. Es geht um Klänge, die sich aus den Gongs holen lassen. Sie sind mal beruhigend, mal dröhnend, mal magisch. Und wenn man vor dem mehr als zwei Meter großen Gong steht, sind sie eine Überwältigung.

Sie fertigen auch Becken in Schacht-Audorf, vor allem aber Gongs. Sie bekommen dafür runde Rohlinge geliefert, flache spiegelnde Scheiben von unterschiedlicher Größe. Diverse Metalle stecken darin, alles gemischt und gefertigt von den Wieland-Werken in Ulm nach einem geheimen Rezept von Paiste. Und dann wird aus ihnen geformt, was später hinter Schlagzeugern und im Orchester hängt, in Yoga-Sälen und Therapiezentren.

Es geht um Spannung, sagt Sven Meier, der mal Heizungsbauer war und heute die Gong-Abteilung leitet. Die Spannung wird in die Scheibe hineingetrieben, von außen nach innen, wieder und wieder. Es ist ein stetes Arbeiten zum Zentrum hin, zum Schwingmittelpunkt, dort, wo das Herz des Gongs sitzt und seine Seele.

Der Rand wird mit einem Gasbrenner gefügig gemacht, bearbeitet und sieht bald aus wie ein großer Kronkorken. Die Falten am Rand werden geglättet, er hat jetzt seine Form. Bei der nächsten Station dreht ein Mann den Gong, ein anderer sitzt davor und hämmert. Immer im Kreis, immer konzentriert. Und jeder Schlag ist einer für die Ewigkeit. Er steckt drin im Metall, und dort bleibt er auch.

Man braucht Kraft für diese Arbeit, Fingerspitzengefühl und Präzision. Man braucht Gehör. Und man braucht Erfahrung, die vor allem. Man muss ein Gefühl haben wie etwa Victor Stoller, der seit 18 Jahren hier arbeitet und die Hammerschläge exakt dort niederhageln lässt, wo ihr Platz ist. Auf großen Holzblöcken geschieht das, von starken Winkeln am Boden gehalten. Und mit Hämmern, die meist selbst gefertigt oder nach Paiste-Bedürfnissen verändert wurden. Kleine Hämmer sind das, große, mit flachen oder runden Köpfen. Und wenn sie den größten Gong fertigen, kommt der Acht-Kilo-Hammer zum Einsatz. Dann wird es gewaltig.

Mehr als zwei Meter misst diese 110 Kilo schwere Scheibe, die wie eine Wand von der Decke hängt. Als der Gongmeister sie anschlägt, sachte nur, vorsichtig, hört man erst ein leises Dröhnen. Wie ein Donner, der aus einer weiten Ferne heranrollt. Aber das Dröhnen steigert sich. Es wird größer. Es kommt näher. Und plötzlich steht es vor einem, ein Beben, als hätte man ein mächtiges Tier aus einem alten Schlaf geweckt. Als wäre da eine Kraft, die aus einer dunklen Tiefe kommt und ihre Macht aus sich selbst schöpft. Er baut sich lange auf, dieser Ton. Und er braucht lange, bis er wieder geht.

Und auch dann meint man, er könnte jeden Moment zurückkehren.

Bands wie Emerson, Lake & Palmer hatten Gongs, auch andere Musiker, die Wert legten auf Klang und eine gediegene Show. Aber das war einmal. Gongs werden heute immer weniger für Rockbands und Orchester gefertigt, sagt Jörg Kohlmorgen, der bei Paiste für den Vertrieb zuständig ist. Esoterik, Yoga, Klangheilung, da bewege sich heute ihr Hauptgeschäft. Etwa 1500 Stück verkaufen sie jetzt pro Jahr, exakt auf einen Ton gestimmte Planeten-Gongs, kleine Gongs für den Tisch, die gewaltigen von mehr als zwei Metern und eine Reihe von Größen dazwischen.

25 der großen Gongs haben sie in Schacht-Audorf bisher verkauft, fünf allein in den letzten zwei Jahren und für etwa 20000 Euro das Stück. Ein Scheich aus Abu Dhabi wollte einen haben, die Papenburger Meyer Werft bestellte einen für eines ihrer Kreuzfahrtschiffe. Und ein Investmentbanker aus den USA nahm gleich zwei. Aber der hatte ja auch zwei Häuser.

Alle Paiste-Gongs weltweit kommen aus Schleswig-Holstein

1947 begann Paiste in Schacht-Audorf bei Rendsburg mit der Produktion. Firmengründer Michael Toomas Paiste war gegen Kriegsende aus Polen geflohen, hatte sich erst in Dithmarschen niedergelassen und dann am Nord-Ostsee-Kanal. Der Hauptsitz des 1901 in St. Petersburg gegründeten Unternehmens ist heute in Notwill in der Schweiz, in Brea (Kalifornien) gibt es eine Lager- und Verkaufsfiliale. I n Schacht-Audorf mit seinen etwa 30 Mitarbeitern, wo auch schon mal John Bonham (Led Zeppelin) oder Cozy Powell vorbeigeguckt haben, werden Einsteiger- und Mittelklasse-Becken gefertigt sowie Gongs für die Oberliga. Und zwar weltweit.

Von Peter Intelmann

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