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Kultur im Norden Das große Fressen
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21:31 16.04.2018
Seid verschlungen, Millionen Kalorien: Marie Jung (Gretel, l.), Björn Meyer als Hexe und Kristof Van Boven als Hänsel. Quelle: Fotos: Matthias Matthies/thalia Theater
Hamburg

Der Mann im Wald heißt Till Lindemann, im wahren Leben Sänger von Rammstein, einer über die Maßen erfolgreichen deutschen Rockspektakelband. Und wo er mit im Spiel ist, hat das Übliche eine Auszeit.

Ein Männlein steht im Walde, nicht still, nicht stumm. Es hat ein wenig irre Augen und singt und nimmt zwei Kinder an die Hand, Hänsel das eine, Gretel das andere. Und dann gewinnt im Thalia Theater eine Geschichte weiter an Fahrt, hin zu einem Märchen ganz eigener Art.

Termine

Neben Björn Meyer und Till Lindemann spielen Kristof Van Boven (Hänsel), Marie Jung (Gretel), Gabriela Maria Schmiede (Mutter), Tim Porath (Vater) und Rafael Stachowiak (Mäuschen).

Weitere Aufführungen: 22. April, 8. und 30. Mai (jeweils 20 Uhr) sowie 16. Mai um 19.30 Uhr.

Das sollte am Samstagabend nicht viel anders sein.

Dabei beginnt alles ganz klassisch in diesem Regionalbahn-Bühnenbild, in dem Vater und Mutter nach dem Abendessen den teuflischen Plan aushecken, die Kinder in den Wald zu bringen. Denn es reicht ja nicht, das Geld. Reicht nicht für Autos und Urlaub. Reicht nicht für das Wohlstandsverlangen der prekären Mittelschicht. Also müssen sie weg, in den dunklen Tann, wo das Licht nicht scheint und die Vögel nicht mehr singen.

Im Tann aber lauert die Hexe, wobei sie hier nichts gemein hat mit der hakennasigen Alten, sondern mit Divine, der drallen Transvestitenfigur aus dem Trashkino des John Waters. Und das Knusperhaus ist eine Überdosis an Cheeseburgern, Muffins und Sahnetorten, eine Big-Mac-Hölle, ein Schlaraffenland des Verderbens.

Überhaupt wird viel gegessen in dem Stück, wobei es tatsächlich ein Schlingen ist. Man braucht einen starken Magen, auf der Bühne und davor. Da arbeiten sich die Regisseure Ene-Lis Semper und Tiit Ojasoo an einer Obsession unserer Zeit ab. Da werden die Kohlehydrate eimerweise hineingeschüttet, und hinterher muss Gretel putzen, ebenfalls wie besessen, um sich von all dem Schmutz zu befreien.

Auch Till Lindemann ist Teil dieses großen Fressens. Er schaufelt die Spaghetti aus dem großen Topf, er kippt die Milch hinterher, und man fragt sich, ob er wohl so viel fressen kann, wie er nachher eigentlich kotzen müsste. Dann stellt man fest: Ja, kann er. Problemlos. Und die Kamera ist ganz nah dran.

Überhaupt wird ständig gefilmt auf der Bühne. Was man live sieht, wird oft in Echtzeit auf die große Leinwand übertragen. Und immer in Überlebensgröße, so dass keine Pore unausgeleuchtet bleibt. Es ist, als sollte einem die Doppelbödigkeit dieser gesellschaftlichen Veranstaltung noch einmal vor Augen geführt werden. Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, mit einer zweifachen Realität. Und es ist der Weg, auf dem Lindemann teilhat an dem Stück, denn es gibt ihn nur in eingespielten Filmsequenzen. Auf der Bühne sucht man ihn vergebens.

Dort stehen Hänsel und Gretel und kommen weitgehend ohne Text aus. Stumm und staunend gehen sie durch diese Welt und haben nichts zu sagen. Erst später hebt Hänsel zu eigenen Worten an. Da ist er aber schon zu einem aufgepumpten Monster geworden, gemästet von der Sahnetorten-Hexe, und seine Schwester hat auch den Aggregatzustand gewechselt.

Außerdem trägt er einen Ring aus Eisen in sich drin, den ihm der dunkle Lindemann ums Herz gelegt hat. Er werde nichts mehr fühlen, wurde ihm gesagt. So wie der Michel in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ nichts mehr fühlt, als das Glasmännlein ihm einen Stein in die Brust zaubert. Er ist immun wie Odysseus, der sich gegen die Lockungen der Sirenen an den Mast binden ließ. Und ja, da leuchtet auch der Horror auf, der Rammstein-Mann hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

„Hänsel und Gretel“ des estnischen Regieduos Semper und Ojasoo bewegt sich zwischen schriller Revue und Märchenverdichtung, in die auch die Grimm’sche Geschichte vom Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst eingewebt wurde. An der mal fast sakralen, mal hämmernden Musik hat neben Lindemann der schwedische Metalmusiker Peter Tägtgren mitgearbeitet, bekannt aus dem gemeinsamen Bandprojekt „Lindemann“.

Star des Abends aber ist neben dem wie ein Zeremonienmeister durch das Stück geisternden Rammstein-Sänger Björn Meyer, die Hexe. Er nimmt sich dankend alle Freiheiten, die ihm die Regie lässt, und liefert eine grandiose Vorstellung. „Das Herz des Menschen ist gut, und es ist böse“, heißt es zum Schluss. „Aber stark sollte es sein.“ Und etwas Besseres als den Tod findet man ohnehin überall.

Peter Intelmann

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