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„Das ja ’ne schöne Katastrophe, nech“

Lübeck „Das ja ’ne schöne Katastrophe, nech“

„Onno Viets und der weiße Hirsch“ – das neue Buch von Frank Schulz erzählt von der Jagd, der Provinz und den Gespenstern der Geschichte.

Lübeck. Lübeck. Plötzlich fallen Schüsse im Wald. Dann wieder. Aber es ist eine stille Panik, vor allem oben auf dem Hochsitz. Henry Baensch und Onno Viets hocken da, der alte Förster und sein Schwiegersohn. Und in ihnen, würde Edmund Stoiber sagen, glodert die Lut.

 

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„Lauffeuer in den Nervenbahnen“: Frank Schulz.

Quelle: Fotos: Verlag
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Buch und Lesung

„Onno Viets und der weiße Hirsch“ von Frank Schulz, Galiani Verlag. 368 Seiten, 19,99 Euro (erscheint am 8. September). Am 15. September liest der Autor mit Dörte Hansen („Altes Land“) und Linda Zervakis aus dem Buch im Hamburger Club Uebel & Gefährlich.

Onno hat mit Panik sonst nicht viel im Sinn. Sie ist ihm fremd, sie gehört nicht zu seinem Wesen. Er ist vielmehr von dieser angenehmen Sorte, die dem Bösen und dem Schrecklichen gern mit Gelassenheit begegnet. „Tjorp, nech, das ja ’ne schöne Katastrophe“, würde er sagen und sich dann um die wichtigen Dinge kümmern.

So jedenfalls hat ihn uns Frank Schulz in seinen beiden Onno-Büchern vorgestellt. Jetzt erscheint Anfang September das dritte. „Onno Viets und der weiße Hirsch“ heißt es und führt mitten hinein in den Wald und die Jägerei, in die deutsche Provinz und die deutsche Geschichte. Und wieder ist es Onno, der die Dinge ordnen muss.

Onno Viets rumpelt sich mit Würde und wenig Geschick durch sein nicht mehr ganz so junges Leben. Er hat ein bisschen studiert, er hatte in Hamburg eine Kneipe namens „Plemplem“. Er hat aber vor allem überragende Talente wie Sitzen und Zuhören und eine Frau namens Edda, die den offenen Rest begleicht, wenn er zwei und zwei zusammenzählt und es mal wieder nicht vier ergeben mag. Und das kommt öfter vor, als ihm lieb ist.

In „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ versuchte er sich als Privatdetektiv und stand am Schluss einem zornigen, nackten Riesen mit einem Messer zwischen den Zähnen gegenüber. In „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ wagte er sich mit Vetter Donald Maria Jochemsen auf eine Kreuzfahrt, und sie lagen zwar nicht vor Madagaskar, aber sie hatten so etwas ähnliches wie die Pest an Bord.

Jetzt also der „Weiße Hirsch“, und wieder begegnet einem dieser Ton, der die Bücher von Frank Schulz so besonders macht.

Er geht liebevoll um mit den Worten, er schaut sie sich lange an, bevor er sie an ihren Platz setzt. Aber dann begegnen einem auch die „Saumseligkeit“ oder die „Bekümmerung“, das „Lauffeuer in den Nervenbahnen“. Dann ruft der Kuckuck wie ein „fröhlicher Idiot“ seinen Namen und hämmert der „Buntspecht einen ausgefinkelt synkopierten Trommelrhythmus“, bis alles verstummt im Wald.

Frank Schulz hat vor den drei „Onno“-Büchern eine andere Trilogie geschrieben, benannt nach seinem Heimatort Hagen in der Nähe von Stade. Er ist längst in Hamburg zu Hause, aber er beschreibt dieses Leben in der großen Stadt und dem kleinen Dorf und den Zuständen dazwischen. Er erzählt von Kolki und Satschesatsche, von Bärbel Befeld, die den Helden fast um den Verstand bärbelt. Von Eugen Groblock, dem Chefredakteur des „Elbe-Echos“, von Iggy Igelmann und Doc Brockstedt. Von Volli und Dutschke Duttheney und den schwebenden Feriennachmittagen auf dem Milchbock gegenüber von Heinis Kneipe damals im Dorf, als sie der Sonne beim Scheinen zusahen.

Der „Weiße Hirsch“ nun braucht etwas, bis er Fahrt aufnimmt. Aber dann geht es bald nicht mit rechten Dingen zu. Und einen Toten gibt es auch. Und dazu die immer wiederkehrende Frage: „Ob Nelkenheini wohl kommt?“ Aber dieses Geisterhafte ist ja kein Wunder. Es gibt im Dorf zu viele, die mit ihren Gespenstern zu kämpfen haben, mit dem furchtbaren Echo aus furchtbaren Zeiten, das einen nicht ruhen lässt.

Von Frank Schulz und den Erschütterungen in seiner Familie durch dieses Echo konnte man vor zwei Jahren schon im „Spiegel“ lesen. Jetzt hat er ein Buch daraus gemacht, manchmal authentisch bis in die Ortsnamen hinein. Es sind anrührende Szenen, die er da beschreibt. Von der Warthe, von den Wintern weit im Osten, wo man das Eis kilometerweit krachen hörte und die Mutter die Bettdecke am Ofen vorwärmte. Von den Weihnachtsbäumen, die so wunderbar leuchtend vom Himmel fielen und doch nur die Ziele für die Bomber markierten. Es ist die Vermessung einer fernen Welt, der Welt seines Vaters, in der die Vergangenheit nicht vergehen will. Es sind Szenen eines beschädigten Lebens. Und es ist ein großartiges Buch. Und wer einen weißen Hirsch schießt, sagt man in der Lüneburger Heide, folgt ihm im selben Jahr in den Tod.

Peter Intelmann

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