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Das liebe Lama und der gute Herzens-Fritz

Lübeck Das liebe Lama und der gute Herzens-Fritz

Kerstin Decker zeichnet in ihrem neuen Buch das erstaunliche Leben von Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth nach.

Lübeck. Die Schwestern großer Brüder haben es nicht leicht – schon überhaupt nicht die kleinen Schwestern. Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth stand immer im Schatten des Philosophen, erinnert an sie wird höchstens im Zusammenhang mit ungenauen, geschönten oder gar gefälschten Ausgaben der Werke und Briefe ihres Bruders. Kerstin Decker hat Elisabeth Förster-Nietzsche jetzt eine ausführliche Biografie gewidmet, die ein bemerkenswert differenziertes Bild der Schwester zeichnet, die von ihrem Bruder zärtlich „Lama“ genannt wurde. Für das Lama war der Philosoph der „Herzens-Fritz“.

 

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Elisabeth Förster-Nietzsche 1912 im Archiv.

Quelle: Foto: Klassikstiftung Weimar
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Friedrich Nietzsche starb 1900 in geistiger Umnachtung.

Quelle: Foto: Dpa

Wer über die Schwester Nietzsches schreibt, kommt am Bruder nicht vorbei. Und ebenso nicht am Wagner-Clan und Lou Andreas-Salomé. Über den Clan und das frühreife russische Fräulein mit dem großen Charisma hat Kerstin Decker bereits Bücher veröffentlicht, sehr lesenswerte Werke. Sie ist also bestens bewandert im Umfeld Nietzsches – die Beschäftigung mit Schwester Elisabeth ist daher folgerichtig. Und sie zeichnet sich durch eine Detailfülle aus, die den Leser gelegentlich fast überfordert.

Wer verstehen will, was Bruder und Schwester miteinander erlebten, wie es immer wieder zu entsetzlichen Streitereien und anschließenden Versöhnungen kam, muss sich mit der Philosophie und der Biografie Friedrich Nietzsches beschäftigen. Zum ganz großen Eklat kam es, als Nietzsche ernsthaft darüber nachdachte, in einer Ménage à trois gemeinsam mit Lou Andreas-Salomé und seinem Freund Paul Rée zu leben. Das war für Elisabeth und die Mutter Franziska Nietzsche ein unerträglicher Gedanke – die beiden Frauen machten dem Philosophen überaus deutlich, was sie von dieser Idee und von diesem russischen Frauenzimmer hielten.

Die nur oberflächlich gebildete Elisabeth Nietzsche wurde zu dem, was man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein „spätes Mädchen“ nannte. Sie heiratete dann doch noch, ihr Mann Bernhard Förster war ein berüchtigter und radikaler Antisemit, den seine politischen Ansichten um seine Anstellung als Gymnasiallehrer und seinen Offiziersrang gebracht hatten. In Paraguay wollte er sein rassereines Arkadien aufbauen, Nueva Germania nannte er die Siedlung, in der sich das beste deutsche Blut versammeln sollte. Elisabeth Förster, wie sie nun hieß, ging gemeinsam mit ihrem Mann nach Südamerika, die Anstrengungen der langen Reise sorgten allerdings dafür, dass die Schwangere ihr Kind verlor. Das Projekt in Paraguay erwies sich schon bald als nicht tragfähig. Als die Geldmittel aufgebraucht waren, nahm sich Bernhard Förster das Leben, während seine Frau in Deutschland weilte, um ihrem in geistige Umnachtung gefallenen Bruder beizustehen.

Es entstand bald eine Konkurrenz zur Mutter Franziska Nietzsche, die ihren Sohn zwar hingebungsvoll pflegte, andererseits aber Wert darauf legte, vor allem Nietzsches gegen das Christentum gerichtete und andere aus ihrer Sicht unmoralische Schriften aus dem Verkehr zu ziehen. Erst nach Jahren konnte Elisabeth Förster-Nietzsche, wie sie sich mit amtlicher Genehmigung jetzt nannte, die Herausgeberschaft der Werke ihres Bruders sichern. Ihr größtes Verdienst, den auch die Biografin Kerstin Decker würdigt, ist die Gründung des heute noch bestehenden Nietzsche-Archivs, zunächst in Naumburg, dann in Weimar. Dort trug sie alle Manuskripte und Briefe Nietzsches zusammen, derer sie habhaft werden konnte. Sie beschäftigte auch zunächst kompetente Herausgeber, darunter den jungen Rudolf Steiner. Was sie schließlich selbst als angebliche Nietzsche-Schriften edierte, sind Kompilationen, die der Philosoph in dieser Zusammenstellung niemals zum Druck freigegeben hätte.

Diese Kompilationen, unter anderem „Der Wille zur Macht“, ermöglichten es Rechtsradikalen wie Hitler und Mussolini überhaupt erst, sich auf Nietzsche zu beziehen. Hierin liegt für Kerstin Decker auch die historische Schuld der Elisabeth Förster-Nietzsche. Dass sie viele Briefe, in denen sie schlecht wegkam, „zensierte“ oder vernichtete, wiegt längst nicht so schwer. Einen Pakt mit den Nationalsozialisten kann man der 1935 Gestorbenen auch nicht recht nachweisen. Sie bewunderte Mussolini als Verkörperung des „Übermenschen“, zu Hitler hatte sie jedoch ein eher distanziertes Verhältnis – obwohl sie sich und ihr Archiv gerne von ihm finanzieren ließ.

Das Schicksal einer kleinen Schwester eines großen Bruders ist kaum jemals so intensiv dargestellt worden wie durch Kerstin Decker. Ein herausragend gut geschriebenes Buch, informativ und auch – trotz der schwierigen Materie – unterhaltsam zugleich. Ein großer Wurf. Jürgen Feldhoff

„Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche“ von Kerstin Decker, Berlin Verlag, 656 S., 24 Euro.

LN

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