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„Das muss man alles aufführen“

Interview „Das muss man alles aufführen“

Pit Holzwarth, Shakespeare-Experte und Schauspieldirektor in Lübeck, über die Aktualität seines Lieblingsautors.

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„Wie es euch gefällt“: Patrick Schlösser inszenierte die Komödie 2010 mit Lisa Charlotte Friederich und Sven Simon.

Lübeck. LN: Das Theater Lübeck führt unter dem Motto „400 Jahre später — Shakespeare lebt!“ zum runden Sterbedatum des Schriftstellers „Der Sturm“ auf. Es geht um Macht und Thronfolgekonflikte, aber auch um Zauberkunst und Kolonialismus (siehe unten). Eine Wundertüte. Warum dieses Stück?

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Pit Holzwarths „König Lear“ mit Robert Brandt und Anne Schramm.

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Pit Holzwarth: So bewusst haben wir gar nicht entschieden, dass „Der Sturm“ unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr werden sollte. Wenn man einen Spielplan entwickelt, müssen ja immer mehrere Dinge zusammenkommen: das Ensemble, das Stück, die Regie. Wir dachten, dass „Der Sturm“ zu Regisseur Patrick Schlösser passt, der mit „Ein Sommernachtstraum“, „Wie es euch gefällt“ und „Antonius und Kleopatra“ bei uns drei Mal erfolgreich mit Shakespeare war. Jetzt geht seine Auseinandersetzung mit dem Autor weiter.

LN: Also ein Stück für einen Regisseur?

Holzwarth:  Das ist überspitzt formuliert. Ich finde an dem Stück spannend, dass es eine Auseinandersetzung mit dem Theater enthält. Dann auch mit Macht, Magie und Rache. Zudem hat es etwas Märchenhaftes. Das Aktuelle daran ist die Sehnsucht nach Allmacht, die die Figur des Prospero auszeichnet. Zaubern können wäre nicht schlecht, um die Gesellschaft zu verändern.

LN: Tobias Döring, Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, sagte einmal, die Komödien und Dramen des Mannes aus Stratford-upon-Avon seien als Gebrauchsstücke verfasst worden. Shakespeare würde sich wundern, wenn er sähe, dass sie heute immer noch auf dem Spielplan stehen.

Holzwarth:  Gott sei Dank sind die Stücke nicht verschwunden. Es sind die wichtigsten theaterliterarischen Dokumente Europas. Es sind Stücke, die sehr robust sind, die viel an konzeptionellem Denken aushalten. Und Shakespeare hat eine Maschine erfunden — das Globe Theater, das Reisen in alle möglichen Länder ermöglichte.

LN:  Lassen Sie uns konkret werden. Warum spielen wir heute noch „Der Widerspenstigen Zähmung“? Es ist so frauenfeindlich wie der Text eines Gangsta-Rappers.

Holzwarth: Man braucht, um das Stück aufzuführen, ein schlüssiges Konzept. Das heißt, man muss in die Geschichte eingreifen, so dass die frauenfeindlichen Monologe entlarvend sind.

LN: Mit Shakespeare kann man also ganz viel machen, er wehrt sich nicht?

Holzwarth: Stimmt. Aber seine Figuren sind Archetypen. Jeder Filmdrehbuchschreiber geht durch seine Schule. Figuren aus der „Widerspenstigen“ wie Katharina sind in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Die Bridget Jones aus den Filmen mit Renée Zellweger ist solch eine Widerspenstige. Der Literaturwissenschaftler Harold Bloom sagt: Shakespeare hat unser Menschenbild erfunden.

LN: Warum sollte man den „Kaufmann von Venedig“ heute noch aufführen, ein Stück, das das Klischee des jüdischen Wucherers enthält, also antisemitisch ist?

Holzwarth:  Den „Kaufmann“ muss man genau deshalb aufführen, weil das Stück mit diesem Klischee spielt. Wenn man es genau liest, kann man sehr viel über Rassismus erfahren und über eine Gesellschaft, die das Geld über alles stellt. Es geht um Religion und Geld — sehr aktuell.

LN: Was sagen Sie zu „Richard III.“? Jeder Bösewicht, der heute in der Welt auftaucht, wird als Richard III. bezeichnet. Kim Jong-un sei „der Richard III. von Nordkorea“, konnte man lesen.

Holzwarth:  Ich glaube, „Richard III.“ muss man einbinden in die ganzen Königsdramen. Sie bieten unterschiedliche Modelle, wie mit Macht umgegangen wird. Mit „Richard III.“ kann man die Goebbels-Tagebücher besser verstehen. Das Königsdrama schließt ja an „Heinrich VI.“ an, wo beschrieben wird, wie der körperlich entstellte, von niemandem geliebte Richard leidet und wie er zum Bösen wird. Joseph Goebbels beschreibt, wie seine Mutter ihn, den Jungen mit dem Klumpfuß, in der Kirche auf die Knie gezwungen und Gott gefragt hat: Warum hast du mich mit diesem Kind bestraft?

LN: Dann ein leichteres Stück. „Der Sommernachtstraum“, Vexierspiel von Göttern, Elfen, Adligen und Handwerkern mit dreifachem Hochzeitsende. Ziemlich derb, nicht?

Holzwarth: Nein, ein ziemlich geniales Stück. Es gibt vermutlich kein zweites, das so poetisch die Liebesverrenkungen junger Leute auf den Punkt bringt. Gleichzeitig bekommt man noch einen Exkurs über die Repräsentation im Theater geboten — wie ein Mond funktioniert oder eine Wand.

LN: Die Tragödie „Romeo und Julia“ hat zeitgemäße Fortschreibungen erfahren. Warum wird es noch aufgeführt, wenn es doch die „West Side Story“ als moderne Version gibt?

Holzwarth: Die Frage muss doch eher lauten: Mit welchem kulturellen Erbe wollen wir uns auseinandersetzen? Und auch mit welcher Liebeskonzeption des Abendlandes? Theater ist ja nicht nur pure Gegenwart, es ist auch die Auseinandersetzung mit Geschichte, mit der Frage: Woher kommen wir? „Romeo und Julia“ kann eine Reise in eine andere Zeit darstellen. Die Menschen zu Shakespeares Zeit spürten einen Umbruch, es war eine krisenhafte Ära. Auch das spielt hier eine Rolle.

Der Shakespeare-Versteher
Pit Holzwarth wurde 1954 in Geislingen (Baden-Württemberg) geboren und wuchs in Freudenstadt auf. Er studierte Sozialwissenschaften und Musik in Bremen. Theatererfahrungen sammelte er mit der Bremer Shakespeare-Company. Er war zwölf Jahre Direktoriumsmitglied, Regisseur und Autor der Truppe und setzte sich intensiv mit dem Dramatiker William Shakespeare (1564- 1616) auseinander.
Seit der Spielzeit 2007/08 ist Holzwarth Schauspieldirektor des Theaters Lübeck. 2013 inszenierte er hier Shakespeares Drama „König Lear“.

Interview: Michael Berger

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