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Das neue Leben der vier Freundinnen

Hamburg Das neue Leben der vier Freundinnen

Geschichtsunterricht von Carmen Korn: Ihre Roman- Fortsetzung „Töchter einer neuen Zeit“ erzählt von den Kämpfen eines Hamburger Frauenzirkels nach 1945.

Hamburg. Mit „Zeiten des Aufbruchs“ hat Carmen Korn den zweiten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie vorgelegt, der sich genauso wie der erste Band „Töchter einer neuen Zeit“ als Bestseller erweist. Kein Wunder, denn auch dieser Roman liest sich wunderbar: viel Herz, ein bisschen Schmerz, mehr als nur eine Prise Zeitgeschichte plus Hamburger Lokalpatriotismus. Bei der Lektüre der 600 Seiten muss die geneigte Leserin immer wieder ein bisschen weinen, aber wohliger als beim ersten Band, als die Schicksale der vier Hamburger Freundinnen in den 20er- bis 40er-Jahren mit den Schrecken von Krieg und Faschismus verwoben waren.

 

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Nach den Schrecken von Krieg und Nationalsozialismus streben die Frauen aus dem Roman in den 50er-Jahren Wohlsituiertheit an: Hamburgerinnen an der Lombardsbrücke im Sommer 1952.

Quelle: Foto: Vintage Germany/walter Lüden
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Autorin Carmen Korn (64).

Quelle: Foto: Jörg Brockstedt

Der neue Band ist also nicht ganz so schicksalsträchtig, die politische und gesellschaftliche Situation hält in den 50er- und 60er-Jahren weniger dramatische Wendungen für die vier Freundinnen bereit. In den 1920er-Jahren, als der erste Band begann, waren die vier noch in sehr unterschiedlichen Milieus verwurzelt: Käthe war die proletarische Kommunistin, Henny von kleinbürgerlicher Herkunft, Ida großbürgerlich, Lina Kriegswaise, später Lehrerin und Repräsentantin der Bohème. In der Nachkriegszeit werden nun alle „wohlsituiert“ – vielleicht historisch etwas zu früh, aber die Richtung stimmt.

Henny lässt sich vom kleinbürgerlichen Nazi-Lehrer scheiden und heiratet den schon immer verehrten Gynäkologen, nachdem dieser seine erste – jüdische – Ehefrau an einen britischen Offizier verloren hat. Käthe hat es als KZ-Überlebende am schwersten, findet aber ihren Weg zurück in den Freundinnenkreis. Lina gründet eine Buchhandlung, und Ida heiratet ihren geliebten Chinesen Tian, was in der Nazizeit „Rassenschande“ gewesen wäre.

Beim Gang durch die Geschichte werden einige Klischees bedient, zum Beispiel der tragisch- schöne Tod eines alten Liebespaars, Hand in Hand ertrunken im Ehebett in der Laubenkolonie, überrascht von der Flutkatastrophe 1962. Andere lässt die Autorin glücklicherweise aus. So hat sie trotz allen Lokalstolzes der Versuchung widerstanden, einmal mehr Helmut Schmidt als Helden der Katastrophenbewältigung zu zeichnen. Stattdessen konstatiert ein Sympathieträger trocken „eine grob fahrlässige Tötung in 315 Fällen durch Versäumnisse der Behörden“. Der Sympathieträger ist Hennys Sohn, der in einer schwulen Beziehung lebt und an dessen Beispiel die Unmenschlichkeit der homophoben Nachkriegsgesellschaft durchdekliniert wird. Er und sein Partner freuen sich über die Studentenbewegung und die damit einhergehende beginnende Liberalisierung – und hoffen auf den Tag, an dem sie einmal Hand in Hand an der Alster spazieren gehen können. Da freut sich auch die Leserin über den gesellschaftlichen Fortschritt: Nicht nur spazieren Schwule heute Hand in Hand um die Alster, sie können sogar mit staatlichem Segen heiraten. Und das ist sicherlich der Kulturrevolution geschuldet, die ab 1968 die Überreste nationalistischer, frauenfeindlicher und homophober Ideologien immer mehr zum Verschwinden bringt und heute zu Unrecht als Geburtsstunde der „political correctness“ geschmäht wird. Aber ob man das tatsächlich 1967 schon so vorausgesehen hat als junger Schwuler in Hamburg?

Trotz solcher kleiner historischer Unschärfen hat Carmen Korn einmal mehr ein großartiges Gesellschaftspanorama entworfen, und das Beispiel der vier Freundinnen, ihrer Familien und Freundeskreise ist wunderbar geeignet, heutigen Lesern diese Epoche der Nachkriegszeit nahezubringen.

Man freut sich schon auf den nächsten Band, in dem man auch die selbst erlebten Jahrzehnte der Hamburger Geschichte wird nachlesen dürfen.

Journalistin & Krimiautorin

Carmen Korn wurde 1952 in Düsseldorf geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg arbeitete sie als Redakteurin für die Illustrierte „Stern“. Bekannt wurde sie mit Krimis. Sie lebt seit 40 Jahren auf der Uhlenhorst, dem Hamburger Stadtteil, in dem auch ihre Romane spielen. Carmen Korn ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

„Zeiten des Aufbruchs“ von Carmen Korn, Kindler-Verlag, 606 Seiten, 19,95 Euro

Gudula Holzheid

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