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Das seltsame Leben des einsamen Ernst

Lübeck Das seltsame Leben des einsamen Ernst

Umjubelte Premiere am Theater Combinale über den Geburtstag eines Einzelgängers.

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Der geplagte Ernst mit Besucherin, die sich als Männertherapeutin“ ausgibt (Sigrid Detloff). Der Trainer (Joachim Kappl) will Ernst auf Trab bringen.

Quelle: Fotos: Thorsten Wulff

Lübeck. Die spannende Frage am Anfang dieses wunderbar unterhaltsamen Theaterabends lautet: Wollen wir einem Mann, der seinen Geburtstag mutterseelenallein in seiner Wohnung feiert, eine Rede auf sich selbst hält und sich statt des Kuchens einen Keks mit Sprühsahne auftischt – wollen wir so einem Mann wirklich glauben, dass er glücklich ist? Oder wenigstens nicht unglücklich, wie es Ernst, Geburtstagskind und Titelheld der neuen, unbedingt sehenswerten Combinale-Komödie, sich selbst und dem Publikum eifrig versichert?

LN-Bild

Umjubelte Premiere am Theater Combinale über den Geburtstag eines Einzelgängers.

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Spontanes Spiel

hidden shakespeare aus Hamburg besteht seit 23 Jahren und gehört zu den profiliertesten Improvisationstheater- Gruppen Deutschlands. Sie besteht aus den fünf Schauspielern Mignon Remé, Kirsten Sprick, Thorsten Neelmeyer, Rolf Claussen und Frank Thomé, diein allen theatralischen Genres zu Hause sind. Die Truppe spielt regelmäßig im Schmidt Theater.

„Allein sein kann schön sein – allein die Ruhe “, sagt Ernst und versucht vergeblich, die Kissen auf seinem Sofa so hinzuschieben, dass er bequem liegen und lesen kann. Spätestens nach dem Bettelanruf bei der Ex-Frau, sie möge doch seinen Geburtstag – es ist ein runder! – bitte nicht schon wieder vergessen, ist für die Zuschauer die Sache klar: Dieser Mann ist ein armes, sich selbst betrügendes Würstchen und nicht besonders hell im Kopf. Sollte er diesen Kopf noch vor Ende des Abends in eine Schlinge stecken, wäre es keine Überraschung.

Und genau das glauben hartnäckig auch die Gäste, die plötzlich ohne Einladung der Reihe nach bei Ernst (gespielt von Ulli Haussmann) aufkreuzen und das nicht allzu traute Heim des Silver Singles in ein Tollhaus verwandeln. Die Erste, die hereinspaziert und Ernst bewusstlos am Boden vorfindet, ist eine Wohnungsmaklerin (Alexandra Neelmeyer). Ihr dicht auf den Fersen folgt ein Fußballtrainer (Joachim Kappl), der zwar unbedingt den Zug nach Cottbus (oder war es Chemnitz?) erwischen muss, den offenbar lebensmüden Ernst aber zuvor mit Fitness-Training und Viererkette noch schnell zurück in die Spur bringen will. Dasselbe will auch die „Männertherapeutin“ (Sigrid Dettlof), die im eng anliegenden Fummel und mit wallender Lockenmähne allerdings etwas andere Mittel zur Anwendung bringt.

Weitere schrille Gestalten geben sich die Klinke in die Hand, und die Frage, die Ernst und das Publikum jetzt bewegt, heißt: Wie in aller Welt kommen diese Leute in seine Wohnung – und wie wird er sie bloß wieder los?

Dazu hier nur noch so viel: Am Ende des Stücks, das Autor und Schauspieler Ulli Haussmann vom Theater Combinale mit Unterstützung der Improvisationstheatergruppe „hidden shakespeare“ entwickelt hat und das „hidden shakespeare“-Mitbegründerin Mignon Remé mit viel Sinn für Tempo und Situationskomik in Szene gesetzt hat, gibt es für (fast) alles eine Erklärung. Ganz wie es sich für eine Schneeballkomödie gehört, in der der ständig gesteigerte Irrsinn zuletzt in einem überraschenden Clou aufgelöst wird.

Bis es soweit ist, legen sich die vier Schauspieler alle mächtig und brillant ins Zeug: Ulli Haussmann gibt den Ernst als geradezu unverschämt normalen Langweiler, neben dem die anderen Figuren umso schriller wirken. Sigrid Dettlof vom Combinale darf als Therapeutin mit Vamp-Gehabe, aber auch als liebeskranke Esoterikerin brüllkomisch auftrumpfen. Alexandra Neelmeyer und Joachim Kappl, schon in früheren Inszenierungen als Gastschauspieler dabei, steuern weitere herrlich überzeichnete Figuren bei, darunter ein Möchtegern-Italiener und Ernsts Mutter, die seinen untreuen, allerdings auch schon länger toten Vater verlassen hat und nun bei ihrem Sohn einziehen will.

Die Dialoge sind witzig und klug, die Ausstattung von Marcel Wienand mehr als nur ein „Kann man so machen“ (wie eine Figur im Stück kommentiert). Unnötig zu sagen, dass das Premierenpublikum am Freitag vollauf begeistert war und „Das Leben des Ernst“ mit großem Applaus feierte.

Nächste Aufführungen: am 30. September sowie am 1., 7. und 14. Oktober jeweils um 20 Uhr.

Sabine Spatzek

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