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Kultur im Norden Das wilde Pferd im Menschen
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22:27 30.10.2013
. . . Benedikt Erlingsson (44), Regisseur.
Lübeck

Moderator Steen Bille parlierte auf Dänisch mit Schleswig- Holsteins Kulturministerin Anke Spoorendonk. Die sollte Auskunft geben, welche Filme sie sich am liebsten angucken würde bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen. Der Eröffnungsfilm stand auf ihrer Liste.

„Von Pferden und Menschen“, Islands Hoffnung auf den Auslands-Oscar, sei „ein Film über das Pferd im Menschen und über den Menschen im Pferd“, sagt Regisseur Benedikt Erlingsson, der auch das Drehbuch schrieb. Bisher als Schauspieler tätig, führt er in seinem Spielfilm-Regiedebüt ins ländliche Island, zurück ins analoge Zeitalter. Die knorrigen Menschen, die hier leben, starren nicht auf Bildschirme, sondern durch Ferngläser, sie beobachten einander genau.

„Von Pferden und Menschen“ besteht aus mehreren Episoden, die durch die handelnden Personen miteinander verbunden sind. Es geht um Liebe, Tod, Freundschaft und Feindschaft. In dem Film ist das Pferd ständiger Begleiter der Menschen — und wichtiges Transportmittel. Man sieht einen Mann auf seiner Stute durch die Landschaft reiten. Am Ziel warten eine schöne Frau und eine Kaffeetafel. Der Mann, das deutet sich schnell an, liebt sowohl seine Stute als auch die schöne Frau. Besorgter ist er um sein Pferd. Als ein Hengst sich heranmacht an sein Reittier, glaubt er es in Sicherheit, denn ein Zaun hindert den Hengst, zur Stute zu kommen. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Der Hengst, Triebtäter, überwindet den Zaun.

Unbändiges Verlangen spielt eine wichtige Rolle auch in einer anderen Episode, allerdings nicht nach Sex, sondern nach Wodka. Und ein junger Mann aus einem fernen spanischsprachigem Land führt vor, wie ein Pferd wärmen und Menschenleben retten kann.

„Von Pferden und Menschen“ ist großartig darin, Tragik mit Humor zu begegnen, einem Humor, der derb daherkommt und manchmal grimmig. Der Film steckt voller Überraschungen und fügt sich — was wohltuend ist — nicht dem Tempo unserer Zeit. Erlingsson führt außerdem vor, was man in Europa nur noch selten findet: Wildnis. Er ist verschwenderisch mit Landschaftsbildern, die äußerst schön anzusehen sind. Allerdings mutet er Zuschauern auch einiges zu. Blutig geht es manchmal zu und eklig, beispielsweise dann, wenn ein Pferd ausgeweidet wird.

Der Film mit Ingvar E. Sigurdsson, Charlotte Bøving, Steinn Ármann Magnússon und anderen gehört zu den insgesamt 16 Bewerbern für die Spielfilmpreise, die bei den Nordischen Filmtagen vergeben werden. Mit Auszeichnungen ist er bereits nach Lübeck gekommen. Gerade hat Benedikt Erlingsson beim Internationalen Filmfest Tokio den Preis für die beste Regie erhalten. Beim Filmfest in San Sebastian war Erlingsson bereits für das beste Regiedebüt ausgezeichnet worden.

• Filmtage auf LN-Online :

www.ln-online.de/Extra/Filmtage

Filmbesprechungen von jungen Nachwuchskritikern:

www.ln-online.de/Extra/Filmtage/Junge-Film-Journalisten

DREI FRAGEN AN...

1 Herr Erlingsson, Sie haben einen Film gedreht, in dem Pferde die Hauptrollen spielen. Mögen Sie Pferde überhaupt? Oh ja, sehr sogar. Ich bin mit Pferden aufgewachsen, mit 13 Jahren habe ich mein erstes eigenes Pferd bekommen. Die Tiere sind ein unverzichtbarer Teil der isländischen Kultur. Pferde geben mir den Kontakt zur Erde wieder, den man sonst so leicht verliert.

2 Es gibt einige sehr grausame Szenen in Ihrem Film. Zum Beispiel die, in der ein vom Schneesturm überraschter Reiter sein Pferd tötet, die Eingeweide entfernt und in der Bauchhöhle übernachtet. Ist das frei erfunden? Zum einen gehören solche Geschichten zur isländischen Folklore, man hört diese Geschichten immer wieder. Aber sie haben einen wahren Kern: Der Großvater eines guten Freundes von mir hat einen Schneesturm in der Bauchhöhle eines Pferdes überlebt, das war im Jahr 1954. Umso erstaunlicher finde ich, dass George Lucas dieses Motiv in „Star Wars“ aufnimmt und variiert. Dort überlebt Luke Skywalker einen Sturm in einem ausgehöhlten Tier.

3 In der ersten Episode Ihres Films gibt es die eindrucksvolle Szene, in der ein stürmischer Hengst eine Stute begattet, obwohl auf der noch ein Reiter sitzt. Wie haben Sie es geschafft, diese Szene zu drehen — oder ist es eine Trickaufnahme? Das war eine Frage des Timings. Wir mussten genau den richtigen Moment treffen, in dem der Hormonspiegel der Stute und damit die Erregung des Hengstes am größten waren. Dann haben wir die Szene mit sechs Kameras gedreht, damit wir auf jeden Fall etwas im Kasten hatten. Es ist definitiv keine Trickaufnahme, das hätte auch nicht in unseren Film gepasst. Im übrigen ist mir so etwas beinahe einmal selbst passiert, ich konnte gerade noch im letzten Moment absteigen. Hengste können ganz übel beißen — Stuten im übrigen auch. Interview: Jürgen Feldhoff

Liliane Jolitz

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