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Kultur im Norden „Das wird gut, glaub’ ich“
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20:39 09.01.2018
Mit der Cola in der Hand: Regisseur und Musiktheater-Dozent Jürgen Weber (54) im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck. Quelle: Felix König
Lübeck

Wobei er dort eigentlich zwei Dinge tut: Zum einen ist er Dozent in Sachen Musiktheater, zum anderen arbeitet er mit Studenten an einem „Faust“-Projekt. Übermorgen hat es in Bad Oldesloe Premiere, Ende Januar ist es auch in Lübeck zu sehen.

Das Konzept für den „Faust“ hatte er vor Jahren für Ulrich Wildgruber geschrieben, den großen Hamburger Schauspieler, der sich 1999 das Leben nahm. Das Stück hat es nie auf die Bühne geschafft.

Aber als aus Lübeck die Frage nach Material für ein Projekt kam, hat er den Stoff geschickt. Der gefiel, man sagte: „Super, mach’ das“, seither macht er das. Und im Oktober kam noch die Dozentur hinzu.

Webers „Faust“ ist ein „musikalisches Traumspiel“. Der alte Magister blickt zurück auf sein Leben, seinen Pakt, seine Schuld. Es gibt Musik von Berlioz und Mahler, von Verdi und Wagner, und die neun Gesangsstudenten übernehmen abwechselnd die Rollen des Alten, von Gretchen und Mephisto.

Weber kennt ihre Situation. Er hat selbst in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater studiert. In den 80er Jahren war das, Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich. Und danach hat er eine Menge von dem abgedeckt, was der Kreativbereich so bereithält.

Er hat Opern inszeniert und Drehbücher geschrieben. Er hat in Berlin an der Universität der Künste unterrichtet, war Regisseur bei Fernseh-Seifenopern wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und bei „Löwenzahn“ im Kinderkanal. Er hat Arte-Dokumentationen und Arztserien gedreht. Er hat eine „Zombie“-Oper für 2020 in Arbeit und für seinen ersten Spielfilm „Open Wound“ eine Menge Preise bekommen.

Beim zweiten spielt er selbst die Hauptrolle, und Ende dieses Jahres soll in BonnMarx in London“ Premiere haben. „Eine komische Oper über Karl Marx“, sagt er. „Das wird gut, glaub’ ich.“

Mit dem deutschen Fernsehen ist er fürs Erste durch, vor allem mit dem öffentlich-rechtlichen. Für Kreative sei das eine „Katastrophe“. Ein Hort schlechten Niveaus und schlechter Kommunikation, eine Kammer des Missvergnügens. Bei „In aller Freundschaft“ etwa war es verboten, die DDR zu erwähnen. Dabei spielte die Reihe in Leipzig – „man glaubt es nicht“. Und bei RTL lagert noch eine Serie mit ihm als Regisseur und Christoph Schlingensief als Schauspieler im Giftschrank. Sie war gerade fertig, als ein neuer Intendant kam, und der fand keinen Gefallen daran.

„Zombie“-Oper also, Schlingensief, „OP ruft Dr. Bruckner“ – Jürgen Weber hält nicht viel von gängigen Mustern. Da fliegen eine Menge Dinge um ihn herum, die andere nur schwer zusammenbinden können.

Er selbst aber kann das sehr wohl. Und zur Not hält er einer Opernsängerin auch mal einen kleinen, eindringlichen Privatvortrag über Jackie Chan. Also über den großen Jackie Chan, der zahllose Actionfilme gedreht hat, der die Renten seiner Stuntleute bezahlt und als jemand mit PekingopernAusbildung bei der Eröffnungsfeier von Olympia 2008 vor einer Milliarde Menschen gesungen hat.

Das klingt anstrengend und ist es wohl auch. „Natürlich überfordere ich mich oft“, sagt er. „Aber das ist ja das Wesen von Kunst. So wie Beethoven bei der 9. Sinfonie Sachen für Fagott geschrieben hat, die gar nicht spielbar sind. So was finde ich cool. Dann muss man halt üben, üben, üben. Oder ein neues Fagott bauen.“

Darum geht es ihm auch bei seinen Studenten. Sie sollen „Professionalität“ lernen, das vor allem. „Du kannst nicht tanzen? Du hast Angst vorm Tanzen? Mach’ einen Tanzkurs. Man ist als Darsteller Teil eines Kunstwerks und selber eines. Und es kommt nie zum Abschluss.“ Gerade Opernsänger seien bei Tanzszenen ja oft komplett überfordert. Da müsse mehr Körperlichkeit rein, mehr Bewegung.

Belehren? Nein, darum geht es ihm nicht. „Ich will keine Botschaften verbreiten“, sagt er. Er nehme die Oper ernst, die Musik und das Libretto. Wenn bei Verdis „Aida“ Ägypten nicht mehr kenntlich werde, laufe etwas falsch. Unterhaltung sei ein wichtiges Element, keine Frage. Aber das heiße nicht Eskapismus, heiße nicht Flucht. „Es geht darum, dass man die Leute bei der Stange hält“, sagt er.

Es gibt viel zu tun.

Zuerst in Oldesloe

„Faust“ ist Jürgen Webers erste Regiearbeit an der Lübecker Musikhochschule und ein Projekt mit neun Gesangsstudenten. Freitag hat es um 20 Uhr Premiere im Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe. Weitere Termine: Sonnabend (20 Uhr) und Sonntag (17 Uhr). Eintritt an der Abendkasse: 20,50 Euro.

In Lübeck ist es am 27. und 28. Januar im Großen Saal der Musikhochschule zu sehen. Karten kosten acht bis 19 Euro.

 Peter Intelmann

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