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Kultur im Norden Davon hat der Große Bruder geträumt
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18:15 22.06.2013
Berlin

Die Augen des Großen Bruders verfolgen den Betrachter des Plakats. Bewegt er sich nach rechts, wandern auch die Augen in diese Richtung. Dreht er ihm den Rücken zu, bohrt sich der Blick in den Nacken, und im Kopf flüstert die Stimme: „Auch ein Rücken ist entlarvend.“ Ist diese Szene aus George Orwells Roman „1984“ 65 Jahre nach der Erstveröffentlichung Alltag geworden?

Orwells „Big Brother“ wurde zum Synonym für allgegegenwärtige Überwachung, ob im Reality- Fernsehen oder im aktuellen Prism-Skandal. Von Facebook über Apple bis zu Microsoft haben sich alle Branchengrößen an der flächendeckenden Überwachung von Telefon- und Internetdaten durch den US-Geheimdienst NSA beteiligt. Und die Online-Gesellschaft ist entsetzt.

Auf der Suche nach Sinngebung greifen die Menschen zur Literatur, die oft Entwicklungen vorwegnimmt: „1984“ ist in den USA und in Großbritannien wieder zum Bestseller beim Internethändler Amazon avanciert. Die Diskussion um das US-amerikanische Programm zur Überwachung und Auswertung von elektronischen Medien und Daten Prism macht das omnipräsente Auge des Staates aktuell.

Barack Obamas Besuch in Deutschland wurde in den Medien unter der Überschrift „Wenn der Große Bruder kommt“ gehandelt. Doch auch hierzulande plant der Bundesnachrichtendienst, die Online-Überwachung massiv auszubauen. Ein 100-Millionen-Euro- Programm soll den grenzüberschreitenden Datenverkehr kontrollieren. Schon jetzt werden knapp fünf Prozent der E-Mails, Telefonate, Facebook-Konversationen und Skype-Unterhaltungen ausgewertet.

Orwell hatte 1948 Stalins Schreckensherrschaft vor Augen, als er seinen Roman verfasste. Natürlich lässt sich sein durchorganisiertes totalitäres System nur bedingt mit Demokratien wie den USA oder gar Deutschland vergleichen. Und doch läuft dem Leser bei Passagen wie der folgenden ein Schauer über den Rücken: „Es bestand natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen Augenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchem System die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparat einschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen. Es war sogar möglich, dass jeder einzelne ständig überwacht wurde. Auf alle Fälle aber konnte sie sich, wenn sie es wollte, jederzeit in einen Apparat einschalten.“

Was Orwell hier auf Fernsehgeräte bezieht, die sowohl Informationen versenden als auch Bilder und Geräusche vom Zuschauer sammeln können, ist in der digitalen Welt an der Tagesordnung. Dass Emails ohne großen technischen Aufwand von Dritten mitgelesen werden können, ist seit langem bekannt. Die Prism-Emthüllung zeigt jetzt, dass dies tatsächlich im großen Stil praktiziert wird.

Die Orwellschen Helikopter, die in den Wohnzimmern der Bürger spionieren, finden ihr Pendant in den unbemannten Drohnen, welche die Telekom bereits zur Überwachung ihrer Überlandkabel einsetzt. Auch die Deutsche Bahn testet solche Fluggeräte, die jedes Gespräch und jedes Treffen auf einem Bahnhof aufzeichnen können.

Die Menschen geben ihre Privatsphäre sogar ganz freiwillig auf: Während Winston, der Protagonist aus „1984“, noch heimlich Tagebuch führte, brauchen sich Geheimdienste oder Marketinghaie heute gar nicht mehr anzustrengen, um den Beziehungsstatus oder die politische Gesinnung auszuspionieren: All diese Informationen gibt es bei Facebook frei Haus.

Der Große Bruder von morgen trägt eine Google-Brille, die es ermöglicht, Eindrücke von der Straße mit Informationen aus dem Netz zu verknüpfen — mit nur einem Augenaufschlag. Die Markteinführung ist für Anfang 2014 geplant, Google arbeitet eng mit dem Prism-Programm zusammen.

„Big Brother is watching you“ — die Ambivalenz des Orwellschen Slogans wird in der Übersetzung „Der Große Bruder passt auf dich auf“ noch deutlicher. Als beherrschte die US-Regierung das „Neusprech“ aus „1984“ — die Folterstaffel heißt „Liebesministerium“ —, wird auch die jetzt an die Öffentlichkeit gelangte Kommunikationskontrolle mit dem Schutz vor Terrorismus gerechtfertigt. Zum Zwecke der Freiheit müsse Freiheit geopfert werden, das klingt beinahe so paradox wie die Maximen des Orwellschen Staates „Krieg ist Frieden“ und „Unwissenheit ist Stärke“.

Die Proteste der Öffentlichkeit sind verhalten. Beinahe so, als wären die Bürger betäubt von der Droge „Soma“, mit der die Menschen in Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ glücklich und gefügig gemacht werden. Diese Zukunftsvision aus dem Jahr 1932 nimmt die Erschaffung menschlichen Lebens im Reagenzglas vorweg. Das Thema ist heute aktueller denn je. Und wenn die Utopie noch so düster ist — die Wirklichkeit übertrifft sie noch.

Nina May

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