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Defoe: Deutsche Flüchtlinge aufnehmen

Berlin Defoe: Deutsche Flüchtlinge aufnehmen

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts flüchteten etwa 10000 Pfälzer nach England. „Robinson Crusoe“-Autor Daniel Defoe plädierte für ihre Integration.

Berlin. . Ob eine „solche Menge von Ausländern“ aufzunehmen und zu ernähren möglich und ratsam sei, werde gegenwärtig „mit plausiblen Argumenten pro und contra“ im Lande diskutiert. Das schrieb vor 300 Jahren der britische Schriftsteller Daniel Defoe (1660—1731), der später mit seinem Roman eines Gestrandeten, „Robinson Crusoe“, weltberühmt werden sollte. 10 000 Pfälzer waren binnen weniger Monate vor Verfolgung und Kriegswirren, vor „Invasion, Überfällen und wiederholten Eroberungen“ in ihrer Heimat nach Südengland geflüchtet, wo man provisorische Zeltlager errichtete und wo prompt ein heftiger öffentlicher Streit über diese Flüchtlinge entbrannte.

Defoe beteiligte sich daran mit Beiträgen in Zeitschriften wie der „Review of the State of the British Union“. Ein zentraler Text von 1709 von ihm, die „Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge“, blieb in Deutschland bisher unbekannt und ist jetzt erstmals komplett übersetzt in der von der Berliner Akademie der Künste herausgegebenen kulturpolitischen Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienen.

Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven wird das englische Original gezeigt, dort ist noch bis zum 31. Mai die Ausstellung „Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“ zu sehen.

Viele Aspekte der damaligen Diskussion und Aufregung in England erscheinen heute immer noch aktuell. Defoe betonte, die Ernährung und Versorgung der Pfälzer „in ihrem gegenwärtigen elenden Zustand“ sei „nicht nur ein großer Akt christlicher Nächstenliebe“, sondern „eine Ehre“ für das Land und auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll. Er wandte sich gegen die ängstlichen Stimmen, die meinten, eine solche Menge von Ausländern hereinzubringen heiße, die Lebensmittel noch mehr verteuern sowie „unsere einheimischen Handwerker und Arbeitsleute brotlos machen und die Zahl unserer eigenen Armen erhöhen, die bereits zu viele sind und der Nation allzu sehr zur Last fallen“.

Für Defoe war es dagegen „unmöglich, dass Britannien zu viele Menschen haben könnte, sollten drei Millionen Fremde herkommen und sich hier ansiedeln“. Über „Taten der Nächstenliebe“

Beschwerde zu führen, erkläre sich nur durch „Mangel an gehöriger Aufklärung und das Verharren in alten Irrtümern“ sowie „allgemein verbreiteter Gefühle“. Weil sich manche Engländer „nicht in die Lage dieser armen Pfälzer“ versetzen könnten, „erfüllen sie die Welt mit Geschrei und Geschwätz, ganz im Gegensatz zu der Religion, zu der sie sich bekennen“.

Der Schriftsteller erinnerte daran, dass die Fremden auch eine kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung darstellen könnten. „Wurden denn nicht viele Dinge bei uns eingeführt wie ausländische Gräser, Rüben und etliche andere Verbesserungen, die erst in letzter Zeit hierher gelangt sind?“ Auch die einheimische Wirtschaft profitiere davon, wenn sie Kleidung und Lebensmittel für die vielen Zugewanderten produziere.

Defoe berichtet auch darüber, wie die Flüchtlinge bei ihrer ersten Ankunft „in diesem glücklichen Land“ betreut und verpflegt wurden, auch durch Spenden und freiwillige Helfer von „wohlmeinenden privaten Gentlemen, Geistlichen, Ärzten, Kaufleuten“, freiwillig und ohne Aufforderung und ohne „andere Beweggründe als ihre frommen Neigungen“.

Zu dieser Zeit hatten sich bereits zahlreiche Flüchtlinge auf freien Plätzen in London, unter anderem rund um den Tower und in Scheunen, niedergelassen, bis „das Ministerium für zweckmäßig befunden“

habe, „die Betreuung der Pfälzer angemessen zu regeln“. Pfälzische Kinder sollten auf einer „gemeinnützigen Schule“ unterstützt werden, „damit sie Englisch schreiben und lesen lernen“.

Überlegungen, die Ausländer in britische Kolonien jenseits des Atlantik zu verschiffen, wurden wieder verworfen, einige tausend landeten dann aber später doch in New York. Defoe versäumte auch nicht, auf die eigentlichen, internationalen Fluchtursachen hinzuweisen, in diesem Fall auf den französischen Monarchen als „Haupturheber der Schwierigkeiten“ mit seinen Streitkräften in fremden Territorien und seiner „despotischen Regierungsweise“. Die Hilfe der Engländer für die bedrängten Flüchtlinge werde die „umfassendste Wohltätigkeit“ sein, „sogar für sämtliche Untertanen in Europa, indem sie die Fürsten dortselbst nötigt, ihre Untertanen in Zukunft menschlicher zu behandeln, als einige es bislang taten“.

Von Wilfried Mommert

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