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Dem Wolf auf der Spur

Dem Wolf auf der Spur

Jedes Kind kennt Wölfe aus dem Märchen. Wo sie sonst noch in der Literatur auftauchen und wie es heute um Isegrim bestellt ist, wird am 20. Juni im Grass-Haus beleuchtet.

Lübeck. „Da legte sich die Frau zum Wolf. Und er prüfte ihre Tasche mit seinem Wolfsglied, bis er sich ganz erschöpft hatte und auf ihrem Fleisch einschlief.“ Günter Grass schrieb die Passage über die Frau und den Wolf in seinem Roman „Der Butt“, und natürlich darf der 2015 verstorbene Nobelpreisträger nicht fehlen bei einem Abend, der dem Wolf auf die literarische Spur kommen will. Am kommenden Dienstag lesen Bettina Thierig und Andreas Hutzel aus 13 sehr unterschiedlichen Werken.

Seit mehreren Jahren beschäftigt sich die Lübecker Bildhauerin und Autorin Bettina Thierig mit dem Thema Wolf. Als Skulptur, als Holzschnitt bevölkern die Tiere ihr Atelier, auch schreibend setzt sie sich damit auseinander. „Mich interessiert die Ambivalenz des Themas. Einerseits sind sehr viele Menschen für den Schutz der Natur und die Artenvielfalt, und wenn dann eine alte Art wieder zurückkehrt, ist es auch nicht richtig.“ Man müsse die Sorgen der Landwirte auch ernst nehmen, von übertriebener Romantik hält sie ebenso wenig. Deshalb findet die Künstlerin es spannend, das Thema von vielen Seiten zu beleuchten.

Jedes Kind kennt den bösen Wolf aus dem Märchen – und damit ist das Image schon mal klar. Wohl kaum ein anderes Tier hat die Fantasie des Menschen derart angeregt wie der Wolf. Die Gründer der Stadt Rom, die Zwillinge Romulus und Remus, sollen von einer Wölfin gesäugt und aufgezogen worden sein. In der griechischen Mythologie wird die Göttin Hekate, die mit dunkler Hexerei und Zauberei in Verbindung stand, häufig in der Begleitung von drei Wölfen dargestellt. Selbst in der Bibel wird der Wolf erwähnt und als herdenreißendes, gefährliches Tier dargestellt.

Aber wie viel ist dran an Mythen und Vorurteilen, welche Legenden prägen unser Bild? Das Spektrum der Autoren, die sich auf die Fährte des Wolfes begaben, ist breit: von Farley Mowat („Ein Sommer mit Wölfen“) über Clemens Meyer („Die stillen Trabanten“), Hermann Hesse („Steppenwolf“), Hans Magnus Enzensberger („Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer“) bis zu Sigmund Freud („Wolfsmann“). Auch Klassiker wie „Der mit dem Wolf tanzt“ von Michael Blake und „Ruf der Wildnis“ von Jack London fehlen nicht. „Die Auswahl an Literatur war sehr groß“, sagt Bettina Thierig, die aus ihrem Manuskript „Wolfsatem“ lesen wird. Übrigens in einer Jacke aus Wolfspelz, die sie sich für diesen Anlass ausgeliehen hat.

An ihrer Seite liest Andres Hutzel, der trotz seiner Präsenz am Lübecker Theater immer noch Zeit findet für solch besondere Projekte. Er selbst hat übrigens keine direkte Wolfserfahrung. Bei einem Besuch im Waldpark Eekholt in Vorbereitung der Lesung hatten sich die scheuen Tiere nicht blicken lassen. Bettina Thierig hatte immerhin schon nächtlichen Wolfsbesuch: Beim Campen in Kanada fand sie am Morgen Wolfsspuren neben dem Zelt.

Petra Haase

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