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Kultur im Norden „Den Witzeerzählern verging das Lachen“
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21:22 09.08.2016

Herr Müller, Sie haben nach der Witz-Sammlung der Stasi gesucht. Was ist dabei herausgekommen?

Der Lübecker Autor Bodo Müller hat politische Witze der DDR-Bürger gesammelt. Heute erscheint sein Buch „Lachen gegen die Ohnmacht“.

„Lachen gegen

die Ohnmacht – DDR-Witze im

Visier der Stasi“ von Bodo Müller; Ch. Links Verlag, 144 Seiten, 10 Euro.

Ab heute im

Buchhandel

„Ein Trabi fliegt mit überhöhter Geschwindigkeit aus der Kurve und landet auf der Koppel in einem Kuhfladen. Fragt der Kuhfladen: ,Wer bist du denn?‘ ,Ich bin ein Auto!‘, sagt der Trabi. ,Na, wenn du

ein Auto bist, dann bin ich eine Pizza.‘“

„Warum gibt es in der DDR keine Banküberfälle? Weil man 16 Jahre auf ein Fluchtauto warten muss.“

Bodo Müller: Letztes Jahr erschien ein Band über Witze aus der DDR, die der Bundesnachrichtendienst gesammelt hatte. Nach diesem Bucherfolg schlug der Verleger Christoph Links mir vor, nach ähnlichem bei der Stasi zu suchen. Das Ergebnis: Diese Leute hatten weder Humor noch eine Witzesammlung. Die waren völlig verbiestert.

Aber Sie haben trotzdem ein Buch gemacht.

Müller: Ja, auf mindestens 40000 Akten-Seiten befasste sich der Geheimdienst mit den Erzählern von politischen Witzen. Etwa 100 Menschen wurden deshalb verurteilt – das Spektrum reichte von sechs Wochen bis zu vier Jahren Haft. Das Buch zeigt nicht nur, worüber das DDR-Volk lachte, ich erzähle auch über Menschen, denen das Lachen verging.

Wie verhinderte das Regime, dass bei solchen Prozessen Gelächter ausbrach?

Müller: Die Witze wurden als Anlage zum Protokoll des Stasi-Verhörs in einem versiegelten Umschlag ausschließlich dem Staatsanwalt übergeben. Vor Gericht war nur allgemein von staatsgefährdender Hetze die Rede.

Einige der Pointen aus dem Buch sind heftig – etwa wenn Ulbricht als Schwein bezeichnet wird, das man schlachten müsse.

Müller: Eines von vielen Beispielen, bei denen das DDR-Volk Pointen aus der Nazi-Zeit übernahm und nur die Namen austauschte. Im konkreten Fall ging die Frau, die den Witz in der Kneipe erzählt hatte, straffrei aus, weil sie bereit war, als Spitzel zu arbeiten.

Heute nehmen die meisten Politiker auch scharfen Spott locker.

Müller: In einer gefestigten Demokratie ist das so, bei Erdogan oder Putin nicht.

Die letzte von Ihnen dokumentierte Verurteilung stammt von 1972. War die DDR danach liberaler?

Müller: Wenn die Staatssicherheit Menschen bespitzelte – im Dienst- Jargon hieß das Operative Personenkontrolle oder OPK –, hielt sie das Witzeerzählen weiterhin als staatsfeindliche Aktivität in der Akte fest. Wer eine aktive OPK-Akte hatte, sollte im Krisenfall in ein Isolationslager kommen. Das betraf auch Witzeerzähler.

Seit wann galten Sie selbst als verdächtig?

Müller: Ich hatte in Halle Anfang der 1970er-Jahre angefangen, eine Witz-Sammlung anzulegen. Davon hat die Staatssicherheit Wind bekommen und die Wohnung heimlich durchsucht. Ohne Ergebnis. Der Schnellhefter steckte hinter der Küchenspüle.

Hatten Sie einen Lieblingswitz?

Müller: Klar! Honecker und Mielke entdecken im Schnee den mit Urin geschriebenen Schriftzug „Honecker ist doof“. Mielke ermittelt: Der Urin ist von Krenz, aber die Handschrift von Margot.

Was wurde aus Ihrer Sammlung?

Müller: Nachdem man mich ein paarmal zum Verhör abgeholt hatte, habe ich das Material vorsichtshalber vernichtet.

Sie wurden bei einem Fluchtversuch festgenommen, der Ihnen aber nicht nachgewiesen werden konnte. Wie war das danach mit Ihrem Job als Journalist bei einer Zeitung der DDR-CDU?

Müller: Die mussten mich entlassen, ich hatte Berufsverbot.

Flucht-Experte

Bodo Müller (63), einst DDR-Journalist in Halle, später in Rostock, arbeitet heute als Reporter für Reisemagazine und Segelzeitschriften. Er lebt in Travemünde auf dem Priwall.

Bekannt wurde Müller durchs eine Bücher „Über die Ostsee in die Freiheit" und „Faszination Freiheit – Die spektakulärsten Fluchtgeschichten“. Beide Bücher nutzte die ARD für Filme über Flucht aus der DDR.

Interview: Armin Görtz

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