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„Den perfekten Klang zu finden, wäre eine mittlere Katastrophe“

Lübeck „Den perfekten Klang zu finden, wäre eine mittlere Katastrophe“

Christopher von Deylen steckt hinter dem Musikprojekt Schiller. Sein neues Album steht auf Platz eins der Charts — und Ende des Monats präsentiert er seinen Elektro-Pop in Lübeck.

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Christopher von Deylen (42).

Quelle: Philip Glaser (hfr)

Lübeck. Christopher von Deylen hat sich zu seinem neuen Pop-Album „Opus“ von Komponisten der Romantik inspirieren lassen. Die russische Sopranistin Anna Netrebko trifft hier zum ersten Mal auf elektronische Musik, Christopher von Deylen hat zudem die französische Pianistin Hélène Grimaud den deutschen Oboisten Albrecht Mayer für sein CD-Projekt gewonnen. Es erscheint bei „Panorama“, einem neuen Unterlabel der Deutschen Grammophon. Am Freitag, 27. September, tritt Schiller mit Pomp und Lichtschau in der Musik- und Kongresshalle Lübeck auf.

Lübecker Nachrichten:  Herr von Deylen, auf Ihrem neuen Album spielen die Berliner Philharmoniker. Sind Sie selbst notenfest?

Christopher von Deylen: Nun ja, es könnte besser sein, würde ich sagen. Als Kind bekam ich ein paar Jahre lang Klavierunterricht, und da lernt man das dann natürlich. Aber so ganz konnte ich mich mit der Idee, Musik in Schriftform festzuhalten, nie anfreunden. Also bin ich heute vermutlich auch ein eher lausiger Notenleser. Vom Notenschreiben möchten ich lieber gar nicht erst anfangen.

LN:  Wie kamen Sie auf die Idee, Anna Netrebko auf ihrem neuen Album „Opus“ singen zu lassen?

von Deylen: „Opus“ sollte eigentlich ein reines Instrumentalalbum werden. Nachdem auf den meisten Schiller-Alben bisher viel Gesang zu hören war, wollte ich damit erst einmal pausieren.

Ich kannte den Namen Anna Netrebko zwar und wusste, dass sie als eine der weltweit besten Klassik- Interpretinnen gilt. Dennoch war mir ihre Stimme nicht vertraut genug, als dass ich sie hätte einordnen können. Als ich dann ihre Version von Griegs „Solvejgs Lied “ hörte, bekam ich eine Gänsehaut und wusste, dass ich kein reines Instrumentalalbum machen würde. Nun ist Anna Netrebko die einzige menschliche Stimme, die wir auf „Opus“ hören — neben Hélène Grimauds tiefen Atemzügen bei Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“.

LN:  Wie unterscheidet sich das Arbeiten mit Klassikmusikern von dem mit mit Pop- und Rock- Musikern?

von Deylen: Klassikmusiker wirken auf mich wesentlich fokussierter und zielstrebiger, als man es vielleicht erwarten würde. Sie wissen genau, was sie wollen, und ich kann mit ihnen sehr dezidiert über die Auffassung und Interpretation eines Titels reden. Wenn es darum geht, aus verschiedenen Aufnahmen einer Komposition die wirkungsvollste herauszusuchen, konnten wir gemeinsam sehr zielstrebig zu Werke gehen. Im Unterschied dazu ist die Zusammenarbeit mit Pop-Musikern mitunter etwas — nun ja — volatil.

LN:  Es heißt, Anna Netrebko sei eine Diva ohne Zicken. Wie war die Zusammenarbeit?

von Deylen: Sicherlich ist Anna Netrebko etwas bodenständiger, als man dies von einer Klassik-Diva erwarten würde. Sie weiß ziemlich genau, was sie kann und was sie will. Daraus folgt dann, dass sie natürlich auch sehr genau weiß, was sie nicht will — oder nicht können will. Es war für sie das erste Mal, dass sie sich überhaupt in einem anderen Genre als der Klassik betätigt. Dass dies nun ausgerechnet das Elektronik-Genre ist, freut mich natürlich besonders.

LN:  Kannte Anna Netrebko die Musik von Schiller?

von Deylen: Das habe ich sie garnicht gefragt.

LN:  Sie experimentieren viel mit Tönen und Akustik. Gibt es so etwas wie den perfekten Klang?

von Deylen: Nein, zum Glück nicht. Einzig die Annährung an ihn macht den Reiz der Suche aus. Den perfekten Klang zu finden gliche einer mittleren Katastrophe, denn dann wäre ja alles gesagt. Es gibt allerdings den perfekten Klang zu einer ergreifenden Melodie, also den richtigen Klang zum richtigen Moment. Ihn zu finden ist durchaus lohnenswert.

LN:  Wie lange suchen Sie nach den passenden Tönen?

von Deylen: Gefühlt mitunter nicht lange genug, oft aber auch zu lange. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, denn beim Komponieren verliere ich das Gefühl für Zeit und schaue nicht auf die Uhr.

LN:  Die Deutsche Grammophon ist ein traditionsreiches Label. Darauf erschienen die ersten Schallplatten der Welt. Verspüren Sie gegenüber dieser Marke eine Verpflichtung?

von Deylen: Aber ja. Ich weiß zwar nicht, ob sich das musikalisch ausdrücken lässt, aber so einem traditionsreichen Label gebührt auf jeden Fall Respekt. Immerhin hat es Generationen überlebt, und das ist schon etwas Besonderes. Auch international ist es eine Marke, die immer wieder bewundert und bestaunt wird. Gerade in der heutigen, vermeintlich krisengeplagten Musikbranche mit all ihren Kurzschluss-Protagonisten ist so ein Gewächs wie die Deutsche Grammophon eine rühmliche Ausnahme.

LN:  Ihre Tournee „Elektronik pur — klangwelten live“ führt Sie auch nach Lübeck. Womit wollen Sie Ihr Publikum überraschen?

von Deylen: Ich lasse es einfach auf mich zukommen und bin vermutlich von allen Beteiligten am gespanntesten auf das, was sich während der Tourproben ergeben wird.

Schiller und „Das Lied von der Glocke“
Christopher von Deylen wurde am 15. Oktober 1970 in Visselhövede in der Lüneburger Heide geboren. Als Kind erhielt er Klavierunterricht, nach dem Abitur studierte er in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften. 1998 hatte ihn „Das Lied von der Glocke" von Friedrich Schiller so begeistert, dass er seine Musik fortan unter dem Namen des Dichters veröffentlichte. Die erste Single hieß „Das Glockenspiel“. Unter eigenem Namen will er seine zum Teil bombastischen elektronischen Klanggebäude nicht verkaufen, weil er findet, „dass Personenkult viel zu sehr vom Abtauchen in die Welt der emotionalen Töne ablenkt“. Dennoch bindet von Deylen namhafte Gastmusiker in sein Schiller-Projekt ein — zum Beispiel den chinesischen Pianist Lang Lang, die Sänger Xavier Naidoo und Sarah Brightman oder Pink-Floyd-Schlagzeuger Gary Wallis. Auf seiner neuen CD „Opus“, auf der die Sopranistin Anna Netrebko zu hören ist, verarbeitet er Stücke von Edvard Grieg, Sergej Rachmaninow und Claude Debussy.

„Schiller live 2013: Elektronik pur — Klangwelten live“ gastiert am Freitag, 27. September, in der Musik- und Kongresshalle Lübeck, Beginn: 20 Uhr

Interview: Olaf Neumann

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