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Der Auftritt ist seine Therapie

Hamburg Der Auftritt ist seine Therapie

Howard Carpendale wird morgen 70 Jahre alt. Schlagersänger will er nicht mehr genannt werden. Von Depressionen ist er genesen.

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Wer Ohren hat zu hören, hat bemerkt, dass ich mich schon lange von Schlagern wegentwickelt habe.“

Hamburg. Wenn man Howard Carpendale in jüngster Zeit gegenübersitzt, dann spürt man schnell, dass da drei Themen sind, die Konfliktstoff enthalten.

Zum einen seine Lieder. Wehe, man bezeichnet sie als Schlager. Dann wird der Barde grundsätzlich. „Dass die Journalisten immer von Schlager reden, finde ich respektlos“, sagte er den Lübecker Nachrichten. „Wer Ohren hat zu hören, hat bemerkt, dass ich mich schon lange von den einfachen Schlagern wegentwickelt habe.“ Nur zu Anfang seiner Karriere habe er Songs wie „Ich geb mir selbst ‘ne Party“ dem deutschen Publikum geboten. „Ich musste damals eben singen, was die Plattenfirma mir vorgelegt hat.“

Das zweite Tabuthema kreist um die Tatsache, dass er lange keinen ganz großen Hit mehr hatte. „Ich war nie ein One-Hit-Wonder“, sagt er — leicht ungehalten — , wenn man auf diesen Sachverhalt zu sprechen kommt. Zuletzt schaffte es seine Single „Noch immer mittendrin“ nur auf Platz 71 der Charts.

Das dritte prekäre Thema ist das Alter. Er wird morgen 70. „Das ist eine Scheißzahl“, sagte er soeben der Deutschen Presse-Agentur. „Da stehe ich überhaupt nicht drauf, weil es mit meinen Empfinden nichts zu tun hat. Ich fühle mich nicht mal wie 60 — eher wie 45.“ Und es stimmt ja, der Mann ist alterslos. Die Haare mögen getönt sein, doch sie sind noch voll, die Wangen hängen etwas, doch er wirkt immer noch jungenhaft, selbst aus der Nähe betrachtet.

Wenn man ihn geballt und ungeschützt auf besagte Themen anspricht, läuft man Gefahr, dass er vom Tisch aufsteht und sein Gegenüber sitzen lässt. Er kommt dann wieder zurück, als wäre nichts gewesen, denn er muss ja noch ein paar andere Dinge, die über ihn im Umlauf sind, geraderücken — über das Auf und Ab seiner Karriere, über seine Leiden. Doch sieht man sich dann besser vor, den ehemaligen Rugby-Spieler zu brüskieren. Beim Bundesligisten ASV Köln hatte er in den 1970er Jahren als veritabler Leistungsträger gegen den elliptischen Ball getreten. Immer noch ist die körperliche Präsenz von Carpendale — nun ja, zumindest imposant, Respekt einflößend. Davon, dass er an Multipler Sklerose erkrankt ist, wie er vor mehr als zehn Jahren offenbarte, ist nichts zu bemerken.

Zwar beschränkt der Sänger sich bei körperlichen Aktivitäten inzwischen aufs Golfspielen, doch er ist heute immer noch stolz auf seine sportlichen Erfolge, auch — nur so als Beispiel —, dass er einmal südafrikanischer Jugendmeister im Kulgelstoßen war.

Von seinem Geburtsland Südafrika hat sich Carpendale inzwischen völlig gelöst. Seit 1966 lebt er in Europa, zuerst in England, dann in Deutschland, München ist seine Heimat geworden. Er habe keinen Wohnsitz mehr in Durban , sagt er, es gebe in Südafrika zu viel Gewaltkriminalität und Korruption.

Doch als der damalige Staatspräsident Nelson Mandela 1996 Deutschland besuchte, war auch Howard Carpendale als prominenter Begrüßer in Bonn zur Stelle. Sein Bild des großen Freiheitskämpfers hatte sich da schon völlig gewandelt, sagte er. „Uns wurde ja in der Schule beigebracht, dass Mandela ein Krimineller und Terrorist sei. Das hat sehr lange nachgewirkt.“ Bei der Bonner Begegnung sagte der Weiße zum Schwarzen: „Ich warne Sie, versuchen Sie in Deutschland bloß nicht, der berühmteste Südafrikaner zu werden. Den Job habe ich schon.“ Das habe Mandela sehr amüsiert.

Die Zeiten, in denen seine Auftritte von Beatles-Songs („Obladi Oblada“) und Seichtem („Das schöne Mädchen von Seite 1“) bestimmt wurden, sind lange her, auch wenn die Hits immer noch verlangt werden. Jetzt darf es tiefsinniger sein. Auf seinem Album „Das ist unsere Zeit“ aus dem Jahr 2015 singt er trotzig: „Es ist alles noch da. In jedem Lied leben Geschichten aus Musik.“ Oder: „Mauern werden nur so hoch, wie man sie hochwerden lässt.“

Er hat erkennen müssen, dass er ohne die Bühne schlecht leben kann. Nachdem er sich 2003 aus dem Konzertbetrieb verabschiedet hatte, sei er depressiv geworden, bekennt Carpendale in seiner im März erscheinenden Autobiografie. Er habe sich das Leben nehmen wollen. Erst die Rückkehr zur Musik habe ihn wieder gesund gemacht. Die Therapie aber ist noch nicht zu Ende — im Februar tourt er wieder durch die Konzertsäle.

„Das ist unsere Zeit“, Howard Carpendale auf Tournee: 12. Februar in Kiel, Sparkassenarena, am 13. Februar in Hamburg, CCH

„Hello again“
Howard Victor Carpendale wurde am 14. Januar 1946 im südafrikanischen Durban geboren. Er ist einer der erfolgreichsten Sänger von deutschen Popsongs. Mit seiner ersten Ehefrau Claudia hat er den Sohn Wayne (*1977). Der Schauspieler trat auch bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg auf. Zusammen mit seiner zweiten Frau Donnice Pierce hat er den Sohn Cass (*1988). Zum 70.
Geburtstag ist jetzt ein Album mit den Lieblingsliedern seiner Fans erschienen — sie durften abstimmen. Auf Platz eins: „Nachts wenn alles schläft“, gefolgt von „Ti amo“ und „Hello again“.

Michael Berger

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