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Der Ausputzer von Hollywood

Berlin Der Ausputzer von Hollywood

Die Berlinale feiert das böse alte Straßenfeger-Kino: Der sehr amüsante Eröffnungsfilm „Hail, Caesar!“ bringt George Clooney und Co. auf den roten Teppich.

Berlin. Was für ein gelungener Beginn! Diese Komödie passt so punktgenau zur Eröffnung eines Kinofestivals, dass man den beiden Regisseuren glatt unterstellen möchte, sie hätten ihren Film eigens für die Berlinale gedreht. Aber so viel Pointensinn ist wohl nicht einmal den wirklich pointensinnigen Brüdern Ethan und Joel Coen zuzutrauen, die gestern mit „Hail, Caesar!“

die 66. Filmfestspiele in eine echte Spaß-Veranstaltung verwandelten.

Gewitzt ist dieser Auftakt in gleich mehrfacher Hinsicht: Die US-amerikanischen Brüder sorgen dafür, dass gut gelaunte Stars von George Clooney über Tilda Swinton und Josh Brolin bis zu Channing Tatum über den roten Berlinale-Teppich wandeln, gleichzeitig veralbern sie in ihrem Film das Hollywood-Starwesen. Sie nutzen den Medienrummel der Berlinale als Werberampe für den Europastart ihres Films (in Deutschland: 18. Februar) — und mokieren sich in „Hail, Caesar!“ über das PR-Gewese in den eigenen Reihen. Vor allem aber: Sie führen das Kino vor als Hort von Lug und Trug und lassen doch immer wieder erkennen, wie sehr sie gerade seinen flirrenden Schein lieben.

Das gilt ebenso für ihre Hauptfigur, die mit oft grimmigem Gesicht durch diesen Film stapft und deren Tag nach Minuten getaktet ist — tägliche Beichten beim Pfarrer inklusive. Kein Wunder, Eddie Mannix (Josh Brolin) ist in der goldenen Hollywood-Ära der 1950er Jahre „Ausputzer“ des fiktiven Hollywoodstudios Capital Pictures. Coen-Freunde kennen das Studio schon aus der Satire „Barton Fink“, die aber viel böser geartet ist als nun „Hail, Caesar!“.

Zu Mannix‘ Job gehört es, das Image von lasterhaften Schauspielern zu schönen, Drehpläne zu forcieren oder Besetzungslisten auch mit weniger geeigneten Darstellern aufzufüllen. Kurz: Mannix ist der Mann für alle Fälle. Und jetzt hat er ein echtes Problem. Baird Whitlock (George Clooney), der größte Star des Studios, ist abhanden gekommen.

Whitlock wurde vom Set eines Sandalenfilms weg entführt und wird im gesamten weiteren Filmverlauf römische Toga plus Brustpanzer und Schwert tragen. Clooney genießt es sichtlich, seine nackten Beine vorzuzeigen. In diesem Aufzug würde man den sonst so coolen und hier ein wenig tumben Graumelierten gerne mal Espresso-Kapseln bewerben sehen.

Zwei Tratschkolumnistinnen (Tilda Swinton in einer Doppelrolle) sitzen Mannix bereits im Nacken. Und die Unterbrechung der Dreharbeiten ist sündhaft teuer: Was allein die Statistengagen all der Gekreuzigten am Wegesrand nach Studio-Rom kosten!

Das ist die Ausgangslage für diesen Frohsinn, der das alte Hollywood in technischer und handwerklicher Brillanz feiert. Eine Meerjungfrau wie einst Esther Williams (Scarlett Johansson) schwimmt mit grünem Nixenschwanz durch den Wassertank, ein singender Cowboy nach Art von Roy Rogers (Alden Ehrenreich) schwingt das Lasso. Der gerade in der Entstehung begriffene Sandalenfilm erinnert verdächtig an „Ben Hur“.

Köstlich, wie Mannix das Einverständnis verschiedener Kirchenoberen einholt, um Jesus eine kleine Nebenrolle in dem Sandalenfilm zu ermöglichen — „Göttliche Erscheinung in Vorbereitung“, so steht es einstweilen noch auf den Filmmustern.

Langeweile kommt also keinesfalls auf in „Hail, Caesar!“. Und wenn hier jemand Hollywood als „Zirkus“ zu bezeichnen wagt oder dem Kino wegen des aufkommenden Fernsehens das baldige Ende prophezeit, dann guckt Eddie Mannix richtig böse. Er sieht das ganz offenkundig anders — und er hat ja auch recht behalten: Das Kino gibt es noch immer. Bei der Eröffnung der 66. Berlinale macht es Freude.

Stefan Stosch

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