Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Der Blick in die Sterne vernebelt die Sicht

Lübeck Der Blick in die Sterne vernebelt die Sicht

Typisch für Krisenzeiten: Astrologie wird immer beliebter, obwohl sie unbestritten unwissenschaftlich ist.

Voriger Artikel
Ruhe nach dem Bildersturm
Nächster Artikel
SCHÖNE WORTE

Lübeck. „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“ — wer auch immer diesen Satz geprägt hat (Karl Valentin, Mark Twain oder Nils Bohr), hatte recht. Und dennoch haben die Menschen seitdem sie aus dem Affen-Stadium herausgetreten sind, versucht, in die Zukunft zu blicken. Zur Jahreswende haben die Astrologen Hochkonjunktur.

Die Sterne als Vehikel zur Schau der Zukunft waren schon immer besonders beliebt. Die alten Chaldäer entwickelten den Zusammenhang zwischen astronomischen Konstellationen und irdischen Ereignissen im alten Babylon um 1000 vor Christus, etwa zeitgleich entstanden chinesische und altindische Astrologie. Ganz hoch im Kurs standen und stehen die Tierkreiszeichen, die unsere Illustration aus dem 14.

Jahrhundert zeigt (siehe rechts).

Die Grundthese, dass der Sternenhimmel und das Leben der Menschen in irgendeiner Form verbändelt sind, grenzt an Hybris. Warum soll ausgerechnet dieser im kosmischen Maßstab kleine Ball aus Wasser und Dreck so bedeutsam sein, dass die ungezählten Sterne des Universums auf ihn irgendeinen Einfluss ausüben? Was macht die Erde und ihre Bewohner so interessant? Auch in diesem Fall treffen Glaube und Wissenschaft aufeinander.

Die seriöse Astrologie versteht sich als Wissenschaft, die mit komplexen Berechnungen versucht, Wissen aus den Positionen der Gestirne abzuleiten. Seriöse Horoskope haben deshalb auch nichts damit zu tun, was in Zeitungen und Zeitschriften als „Horoskop“ gedruckt wird. Viele Prominente ließen sich vor wichtigen Entscheidungen Horoskope errechnen, ohne den Blick in die Sterne durch seinen Leib-Astrologen Seni (der aus dem Kreuzworträtsel) zog Wallenstein nicht in die Schlacht.

Im Zeitalter der Aufklärung, die ja laut Kant die „Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ bringen sollte, verlor die Astrologie an Bedeutung. Jean-Baptiste le Rond d‘Alembert und Denis Diderot nannten in ihrer Encyclopédie die Astrologie als einer „Betrachtung durch vernünftige Menschen unwürdig“.

Im 19. Jahrhundert aber kam es zu einer Wiederbelebung der Astronomie, wahrscheinlich, weil das Projekt Aufklärung gescheitert war und die meisten Menschen sich wieder freiwillig in die bequeme Unmündigkeit begaben. Heute glaubt ein Viertel der Bevölkerung an die Macht der Sterne über das eigene Leben — Diderot würde es nicht für möglich halten.

Dabei gibt es einen wirklichen Grund, weshalb Astrologen und Wahrsager aller Art zur Zeit erhöhten Zulauf finden. Der Zustand der Welt ist schlecht, er ist chaotisch und kaum noch zu überschauen. Und immer in solchen Zeiten flohen sich die Menschen in esoterische Nischen, zu denen letztlich ja auch die Astrologie gehört. Der Andrang bei Wahrsagern war zum Beispiel kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges so stark, dass die Behörden einschritten und den Hellsehern das Handwerk legten. Das geht heute nicht mehr so leicht. Mit einem Gewerbeschein kann sich jedermann als Astrologe selbstständig machen und Leichtgläubigen das Geld aus der Tasche ziehen.

Was aber gerade in Krisensituationen am besten hilft, ist ganz einfach der Blick in den Sternenhimmel. Wie sagte Kant so schön: Was ihn bewegt und in seinem Tun anleite, seien das sittliche Gesetz in ihm und der bestirnte Himmel über ihm. Jürgen Feldhoff

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden