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Kultur im Norden Der Brückenbauer
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19:13 05.10.2017

Es beginnt ganz klassisch und einfach: „Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre und arbeite inzwischen über elf Jahre als Betreuerin.“ Mit diesen Worten setzt der Roman „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro ein – und dann erzählt der Autor die traurige Geschichte von drei jungen Leuten, die als Organspender ausgebeutet werden. Und diese Geschichte ist alles andere als einfach: Sie ist komplex, voller literarischer Anspielungen und durchaus politisch.

Der Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro mit seinem Erzählband „Nocturnes“, der in Deutschland 2009 unter dem Titel „Bei Anbruch der Nacht“ publiziert wurde. Quelle: Foto: Alessandro Fucarini/dpa

Preisträger

2016: Bob Dylan (USA) 2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland) 2014: Patrick Modiano (Frankreich) 2013: Alice Munro (Kanada) 2012: Mo Yan (China) 2011: Tomas Tranströmer (Schweden) 2010: Mario Vargas Llosa (Peru) 2009: Herta Müller (Deutschland)

Zwölf Jahre ist dieses Buch mittlerweile alt, und fast hatte man Ishiguro ein bisschen vergessen. Seine großen Erfolge wie „Alles, was wir geben mussten“ und, vor allem, „Was vom Tage übrig blieb“

aus dem Jahr 1989 liegen schon eine Weile zurück. Doch jetzt steht der britische Romancier im Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Entscheidung für Ishiguro überrascht. Die Kanadierin Margaret Atwood, der israelische Schriftsteller Amos Oz und auch der Japaner Haruki Murakami waren als Favoriten gehandelt worden und wären würdige Preisträger. Doch die Akademie unter der neuen Vorsitzenden Sara Danius unterläuft die Erwartungen nur zu gern. Das hatte sie schon im vergangenen Jahr unter Beweis gestellt, als der Literaturnobelpreis an Bob Dylan ging, was Millionen von Dylan-Fans zwar begeisterte, dennoch etwas kurios wirkte. An dem aktuellen Preisträger lobt die Jury, dass er in seinen Werken die „Abgründe unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt“ bloßgelegt.

Starke Emotionen, hoher Unterhaltungswert: Das zeichnet Ishiguros Romane aus. In seinen Texten stellt der 62-Jährige die ganz großen Fragen. Was ist in einem Leben eigentlich wichtig? Wie weit verleugnen wir uns selbst? Warum kämpfen Menschen nicht stärker für ihr Glück, für ihre Liebe?

Diese Themen schwingen in seinen Büchern immer mit, werden aber nicht direkt ausgesprochen. Ishiguro schreibt über die inneren und äußeren Verstrickungen seiner Figuren. Er ist ein klassischer Geschichtenerzähler.

Wobei manche seiner Geschichten die Grenzen des Realen sprengen: In „Alles, was wir geben mussten“ stellt sich heraus, dass die drei Hauptfiguren Klone sind. Sie leben in einer Welt, die dem Leser zu Beginn vertraut vorkommt. Bis sich nach und nach immer mehr Irritationen einschleichen.

Ishiguro schreibt auf englisch. Zwar wurde er 1954 im japanischen Nagasaki geboren, doch kam er bereits 1960 nach London. In England studierte er später Philosophie und Anglistik und arbeitete eine Weile als Sozialarbeiter. Seine frühen Romane – „Damals in Nagasaki“ (1982) und „Der Maler der fließenden Welt“ – handelten noch vom Japan der Nachkriegszeit. Doch „Was vom Tage übrig blieb“ war eine durch und durch britische Geschichte über die ungelebte Liebe zwischen einem Butler und einer Hausdame in einem englischen Herrenhaus.

Britisch höflich bis reserviert fiel auch Ishiguros Reaktion aus, als er von der Entscheidung der Schwedischen Akademie erfuhr: Er sei geschmeichelt, sagte er. Und der Autor, der vielen als Brückenbauer zwischen Japan und England gilt, fügte hinzu: „Das ist eine großartige Ehre, vor allem weil es bedeutet, dass ich in die Fußstapfen der größten Autoren trete, die je gelebt haben, das ist also eine wunderbare Auszeichnung.“ Die Welt sei in einem sehr unsicheren Zustand und er hoffe, dass alle Nobelpreise etwas Positives bewirken können.

Martina Sulner

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