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Der Chefankläger der deutschen Literatur

Berlin Der Chefankläger der deutschen Literatur

Dramatiker Rolf Hochhuth wird 85 Jahre alt — Er zehrt noch vom Donnerhall seines ersten Stückes „Der Stellvertreter“.

Berlin. . Der wichtigste Beitrag, den Rolf Hochhuth zum Geistesleben seiner Zeit geleistet hat, war sein literarisches Debüt: das Schauspiel „Der Stellvertreter“ von 1963. Darin thematisierte der damals 32 Jahre alte Lektor Hochhuth, wie Papst Pius XII. 1943 die Augen vor der Vernichtung von Juden in Konzentrationslagern durch NS-Deutschland verschloss.

 

LN-Bild

Dramatiker Rolf Hochhuth posiert mit Pickelhaube.

Quelle: dpa

Die Uraufführung des Stückes in der Regie von Erwin Piscator schlug hohe Wellen — auch international. Und Rolf Hochhuth, der am 1. April 85 Jahre alt wird, sah sich von da an als literarisches Schwergewicht in einer Reihe mit Günter Grass oder Heinrich Böll. Er wurde zum wichtigsten Vertreter des Dokumentarischen Theaters.

Hochhuth hatte sich mit einer der höchsten Instanzen angelegt, das wollte er auch künftig, und es wurde ihm leicht gemacht. Zum Beispiel von Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU), der 1965 Schriftstellern wie Hochhuth das Recht auf politische Einmischung mit den legendären Worten absprach: „Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.“

Ein zweites Mal entfalteten seine Texte starke Wirkung: Im Kontext seines Romans „Eine Liebe in Deutschland“ und seines Stücks „Juristen“ bezeichnete Hochhuth den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) als „furchtbaren Juristen“, als „Hitlers Marinerichter“, der Todesurteile zu verantworten hatte. Filbinger musste zurücktreten.

Hochhuths Vorgehensweise, aus Akten Theaterstücke zu machen, führte allerdings zu papierenen Texten, weit entfernt vom Kunstanspruch des Autors. Über „Juristen“ und den Filbinger-Sturz schrieb der „Spiegel“ 1979, „dass noch nie ein unbeholfenerer Text einen edleren Zweck erfüllt“ habe.

Unverdrossen schrieb der Chefankläger der deutschen Literatur weiter. Mit „Wessis in Weimar“ erhielt er noch einmal Aufmerksamkeit. Der Text handelt vom Wirken der Treuhandanstalt bei der Abwicklung der DDR-Wirtschaft. Die Uraufführung 1993 am Berliner Ensemble in der Regie des Dekonstruktivisten Einar Schleef aber brachte den Autor gegen das Theater auf — er erkannte sein Stück nicht mehr.

Hochhuth rächte sich. Er schaffte es, das Haus, in dem einst Bertolt Brechts Truppe spielte, in sein Eigentum zu bringen.

Hochhuths Holzapfel-Stiftung vermietet nun das Theater am Schiffbauerdamm an das Land Berlin, das es dem Berliner Ensemble zur Verfügung stellt. Der Dramatiker macht, was man Vermietern gerne nachsagt — den Mietern um Intendant Claus Peymann das Leben schwer. „Versuch der feindlichen Übernahme“ sagte dazu der Dramatiker Heiner Müller. Sie hält bis heute an.

Von Michael Berger

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