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Der Clown mit der großen Klappe

Las Vegas Der Clown mit der großen Klappe

Jerry Lewis ist im Alter von 91 Jahren gestorben, in seinen Filmen war er fast immer ein Kindskopf.

Las Vegas. Große Komiker gibt es im Zeitalter der Comedians nur noch wenige. Insofern wirkte Jerry Lewis, der ewig zappelnde und blödelnde Kindskopf, in seinen letzten Lebens-Jahrzehnten ein wenig aus der Zeit gefallen. Und dennoch konnte man immer wieder über seine meisterhaften Slapstick-Filme so sehr lachen, dass man einem Aufenthalt auf der Intensivstation bedenklich nahekam. Zumindest, wenn man Sinn für weitestgehend sinnfreie Komik hatte.

Denn das war das ureigentliche Feld von Jerry Lewis: Menschen zum Lachen bringen mit Szenen und Scherzen, die nur derjenige zu würdigen weiß, der selbst nicht wirklich erwachsen ist (oder der nicht erwachsen werden wollte). Eine auf eine ganz spezielle Zielgruppe ausgerichtete Art der Unterhaltung, die Jerry Lewis perfekt beherrschte.

Das Chargieren lag dem 1926 in Newark im US-Bundesstaat New Jersey als Joseph Levitch geborenen Komödianten im Blut. Seine aus Russland in die USA emigrierten Eltern arbeiteten als Künstler in Nachtklubs, mit 18 tat Sohn Jerry es ihnen gleich. 1946 begegnete er in Atlantic City einem italienischstämmigen Sänger, der sich Dean Martin nannte – sie wurden ein Traumpaar. Auf der einen Seite der gutaussehende, charmante Crooner mit der seidenweichen Stimme, auf der anderen der auf Krawall gebürstete Lausbub mit der großen Klappe, der seinem Kollegen die Schuhe anzündete oder ihn mitten im Lovesong mit Obst und Gemüse bewarf. Dieses Konzept kam hervorragend an, Lewis und Martin landeten im Radio und im Fernsehen, ihre Tourneen waren immer ausverkauft. Bis sich die beiden Akteure 1956 verkrachten und 20 Jahre lang kein Wort mehr miteinander sprachen. Dean Martin fühlte sich zum Stichwortgeber für seinen exaltierten Partner degradiert – beide Künstler begannen erfolgreiche Solokarrieren.

Damit begann der Stern von Jerry Lewis im Kino aufzugehen. Sein Meisterwerk wurde 1963 „Der verrückte Professor“, eine hinreißend alberne und völlig verrückte Parodie auf „Dr. Jekyll und Mister Hyde“. Wie Jerry Lewis in diesem Streifen, in dem er auch Regie führte, den Spagat zwischen dem unscheinbaren Wissenschaftler und dem schnieken Lebemann darstellte, war auf seine eigene Art genial und unnachahmlich. Was man spätestens beim Remake 1996 bemerken konnte, das Jerry Lewis zwar produzierte, in dem Eddie Murphy aber nur einen müden Abklatsch des „verrückten Professors“ ablieferte.

Neben diesem Meisterwerk gehören zum Lebenswerk von Jerry Lewis aber auch eine ganze Reihe von Flops erster Güte. „Wo bitte geht’s zur Front“ von 1970 zum Beispiel. Auch diesen Film produzierte Jerry Lewis selbst, er führte Regie und spielte die Hauptrolle. Was als selbstironische Militärkomödie beginnt, endet als abgelutschte Klamotte – leider. Sein ernsthaftes Filmprojekt „The Day the Clown Cried“ scheiterte zwei Jahre später, Lewis fand den fertigen Film über das Schicksal eines Clowns in Auschwitz so schlecht, dass er ihn verschwinden ließ.

Jerry Lewis drehte weiter Komödien, die jedoch immer exzentrischer wurden und beim Publikum immer schlechter ankamen, seine große Zeit als Leinwandstar war vorbei. Das hinderte ihn nicht daran, in Martin Scorseses Tragikomödie „The King of Comedy“ an der Seite von Robert de Niro 1982 eine ernste Rolle zu spielen. Der Film wurde von der Kritik hochgelobt – war jedoch finanziell der am wenigsten erfolgreiche aller Scorcese-Streifen.

Neben seiner Komiker-Karriere aber war Lewis auch für soziale Projekte tätig. Im Fernsehen sammelte er Spenden für den Kampf gegen Muskelschwundkrankheiten, auch für andere soziale Projekte stand er zur Verfügung.

Jerry Lewis war ein Clown, der wie alle guten Clowns auch Wehmut verbreiten konnte. Gearbeitet hat er bis zu seinem 90. Lebensjahr – und das, obwohl er einst gesagt hatte, dass alle seine dargestellten Charaktere maximal neun Jahre alt waren. Jürgen Feldhoff

LN

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