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Der Fremde vom Prenzlauer Berg

Berlin Der Fremde vom Prenzlauer Berg

Ai Weiwei feiert 60. Geburtstag und will weiter mit politischer Aktionskunst für Schlagzeilen sorgen.

Berlin. . Ai Weiwei gilt als Chinas bekanntester Künstler der Gegenwart, Regimekritiker und Multitalent. Bekannt ist er für politische Äußerungen, öffentlichkeitswirksame Kunstaktionen und für seine Präsenz in den sozialen Medien. Als es ihm vor zwei Jahren gelang, China zu verlassen, reiste er direkt nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin.

 

LN-Bild

Künstler Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier.

Quelle: Foto: Michael Kappeler/dpa

Morgen wird Ai Weiwei 60 Jahre alt. Mitten im Berliner Alltag kann es passieren, dass man ihn in der Straßenbahn trifft, wenn er seinen neunjährigen Sohn zur Schule bringt. Auch im Asia-Supermarkt trifft man gelegentlich den stämmigen Chinesen, der gern eine blaugraue Arbeitskluft trägt. Der Künstler lebt im Szeneviertel Prenzlauer Berg. Nur ein kleines Stück weiter, in Berlin-Mitte, hat er sein Atelier.

Seit Herbst 2015 ist er Gastprofessor an der Universität der Künste (UdK) und betreut ein gutes Dutzend handverlesener Studenten. Fast könnte man meinen, Ai Weiwei sei angekommen in Deutschland.

Tatsächlich aber fremdelt der Künstler mit seiner Gastheimat. Seit seiner Ankunft in Berlin stellt Ai Weiwei weniger das chinesische Regime, sondern stattdessen vor allem Europas Flüchtlingspolitik an den Pranger.

Geboren wurde Ai Weiwei 1957 als Sohn des chinesischen Dichters und Regimekritikers Ai Quing. Wegen jahrelangen Zwangsexils seines Vaters wuchs er zunächst in der Mandschurei sowie in Xinjiang auf. Später lebte er von 1981 bis 1993 in den USA, wo er sich unter anderem mit Performance- und Konzeptkunst befasste. Rückblickend bekannte der Künstler, dass ihn das Flüchtlingsthema selbst von Kindheit an durch seine familiäre Situation im kommunistischen China begleitete. „Wir waren Flüchtlinge, als ich aufwuchs. Mein Vater war in Paris im Exil. All das kommt zusammen“, sagte Ai Weiwei einmal in einem Interview.

Wegen seines erkrankten Vaters kehrte Ai Weiwei 1993 nach China zurück und engagierte sich gegen das kommunistische Regime. Als politischer Aktionskünstler kritisierte er unter anderem die Umweltzerstörung, mangelnde Bildungschancen und die Menschenrechtssituation in China. Mehrfach wurde Ai Weiwei inhaftiert, das Regime in Peking warf ihm unter anderem Wirtschaftsverbrechen und Steuerhinterziehung vor. 2011 wurde ihm der Reisepass entzogen, weshalb Ai Weiwei China zunächst nicht mehr verlassen konnte. Erst im Juli 2015 änderte sich die Situation:

Das Regime in Peking gab Ai Weiwei seinen Reisepass zurück, unverzüglich flog der Künstler nach Deutschland, wo er die weltweite Flüchtlingskrise zu seinem neuen künstlerischen Dauerthema machte. Zur Berlinale 2016 schuf er mit 14000 orangefarbenen Rettungswesten am Berliner Gendarmenmarkt ein temporäres Mahnmal für ertrunkene Flüchtlinge und gab den Internationalen Filmfestspielen damit ein unübersehbar politisches Statement.

Christine Xuã¢n Mã¼ller

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