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Kultur im Norden Der Geist des Tango weht an der Trave
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18:13 21.11.2016
Probe in der Holstentorhalle: Raul Jaurena bringt Studierenden der Musikhochschule Lübeck das spezielle Tango-Gefühl näher. FOTOS: OLAF MALZAHN

. Der Raum in der Holstentorhalle ist schon fast überfüllt. Junge Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt haben sich hier zusammengefunden, um etwas über einen sehr speziellen musikalischen Stil zu lernen: Tango. Und zwar Tango in seiner klassischen Form, wie er an den Ufern des Rio de la Plata in Argentinien und Uruguay vor mehr als 100 Jahren entstand und seitdem aus der Kultur dieser südamerikanischen Region nicht mehr wegzudenken ist. Das hat auch die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, anerkannt und den Tango zum immateriellen Welterbe erklärt. Der Tango-Meisterkurs wird von einem der ganz Großen dieser Musik gegeben, von dem Bandoneonisten Raul Jaurena, der in diesem Jahr 75 geworden ist.

„„Tango ist nicht nur eine Musik, er ist auch ein Gefühl.“Raul Jaurena

Bandoneoist

Er kannte alle Größen des Tangos, die in Süd- und Nordamerika aktiv waren, die Größen des klassischen Tangos und die des Tango Nuevo, den Astor Piazzolla populär machte. In seinem Meisterkurs beschränkt sich Jaurena auf den klassischen Tango: „Der Tango Nuevo, den ich natürlich auch sehr schätze, ist eher etwas für den Konzertsaal. Der klassische Tango ist im eigentlichen Sinne Tanzmusik, an ihm erkennt man den ganz eigenen Stil dieser Musik besser. Die Tangos von Piazzolla zum Beispiel kann jeder klassisch ausgebildete Musiker sehr schnell spielen, allerdings nur die Noten. Den Geist des Tango in dieser Musik erkennt man erst weit jenseits der Notation.“

In Jaurenas Meisterkurs sitzen unter anderem einige Streicherinnen aus China und Korea. Die Tango-Tradition ist ihnen fremd. Wie bringt man jungen Musikern aus Asien das spezielle Tango-Gefühl nahe?

Raul Jaurena: „Musiker haben nur eine Sprache, und das ist die Musik. Da ist es gleichgültig, wo sie herkommen. Ein Europäer oder Südamerikaner hat zunächst wenig Zugang zur musikalischen Tradition Asiens. Aber man kann sich einarbeiten, und irgendwann begreift man auch, was in dieser Musik geschieht und was sie bewegen soll.“

Umgangssprache in diesem Meisterkurs ist Englisch, auch eine universelle Sprache, die Raul Jaurena ausgezeichnet beherrscht. Er wohnt in der Nähe von New York, mit dem Zug ist er in 20 Minuten im Zentrum von Manhattan, „Aber bei uns in New Jersey ist es viel ruhiger“, sagt er. Jaurena ist in seiner Geburtsstadt Montevideo mit Tango aufgewachsen: „Tango war allgegenwärtig damals. Er lief im Radio, die Leute haben Tango- Lieder gesungen, auf den Straßen haben Tango-Musiker gespielt. Das hat sich leider vollständig geändert, in Argentinien ist die Musikkultur genauso amerikanisiert wie im Rest der westlichen Welt.“

Dabei ist Tango eine Weltmusik, wie Jaurena sagt. Er ist entstanden in La Boca, dem legendenumrankten Hafenviertel von Buenos Aires. Dort kamen Einwanderer aus aller Herren Länder zusammen, jede Volksgruppe brachte ihre eigene musikalische Tradition mit sich. Tango entstand aus kubanischen Habaneras, aus südamerikanischer Folklore und aus italienischen und spanischen Quellen. Die ursprünglich eher fröhlichen Melodien wurden im Laufe der Zeit immer melancholischer – Tango ist ursprünglich eine Musik der Unterschicht, des kriminellen und des Bordell-Milieus, dort geht es eben nicht immer fröhlich zu.

In seinem Meisterkurs arbeitet Raul Jaurena mit einem ganzen Orchester, einem sogenannten Orqesta típica. Streicher, Klavier, Akkordeon und natürlich Großmeister Jaurena am Bandoneon, dem deutschen Beitrag zum Tango Argentino. Viele der Tangos, die geprobt werden, sind für kleinere Besetzungen geschrieben, Jaurena hat sie für Orchester arrangiert. Immer wieder unterbricht er das Spiel, die spezielle Tango-Phrasierung und die komplizierte Rhythmik ist den Studierenden noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Aber von Versuch zu Versuch wird es besser. Raul Jaurena macht es möglich.

Die Tango-Gala zum Abschluss des Meisterkurses beginnt am Freitag um 19.30 Uhr im Großen Saal der Musikhochschule; Eintritt: 14/19 Euro.

Jürgen Feldhoff

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