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Der Heilige Ungeist

Lübeck Der Heilige Ungeist

Die schwierige Wahrheit oder: Was hat Pfingsten mit Donald Trump zu tun?.

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Die Ausgießung des Heiligen Geistes.

Lübeck. Plötzlich kam ein Brausen vom Himmel, wie ein gewaltiger Wind. Er füllte das ganze Haus aus. Und in diesem Brausen geschah etwas Seltsames mit den Leuten, die sich darin versammelt hatten.

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Die schwierige Wahrheit oder: Was hat Pfingsten mit Donald Trump zu tun?.

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Geburt der Kirche

Christen feiern Pfingsten als eines der höchsten kirchlichen Feste seit Ende des vierten Jahrhunderts 50 Tage nach Ostern. Der Name geht auf das griechische Wort „pentekoste“ (der Fünfzigste) zurück. Das Fest wird auch als „Geburtstag der Kirche“ verstanden.

Sie konnten plötzlich in fremden Sprachen reden. Ein Trick? Ein Scherz? Ein Wunder.

Ein Pfingstwunder, um genau zu sein, denn so beschreibt der Evangelist Lukas die Ausgießung des Heiligen Geistes über die versammelten Jünger. Pfingsten gilt als Ende und Anfang gleichermaßen. Als Schlusspunkt der Osterzeit am fünfzigsten Tag nach Ostermontag und als Geburtsstunde der Kirche. Es ist eines der zentralen Daten im Kirchenjahr. Und ein Zeichen der Hoffnung ist es obendrein.

Ein Ausgießen des Geistes wäre hilfreich heute, mindestens so sehr wie in biblischer Zeit. Aber stattdessen ist ein Ungeist über die Erde gekommen, jedenfalls über weite Teile davon. Er schleicht durch die Alte Welt, hebt in England sein Haupt, in Polen, Ungarn, in Österreich, in Frankreich. Er hält die Türkei in Schach und die Vereinigten Staaten. Er treibt sein Unwesen auf den Philippinen, in Südamerika, in Nordkorea, und der Nahe Osten ist ohne ihn sowieso kaum vorstellbar. Er sorgt dafür, dass alte Gewissheiten brüchig werden und man neuen nicht über den Weg trauen mag. Er spaltet, wo Versöhnung gefragt wäre. Er ist der Geist, der stets verneint. Ihm liegt wenig am Bestehenden, aber er kennt sich aus mit Zerstörung. Das ist sein eigentliches, sein faustisches Element.

Pfingsten aber ist ein Bild dafür, dass Verständigung möglich ist. Da kann man auf einmal mit Menschen reden, die einen vorher nicht verstanden haben. Da gibt es plötzlich eine gemeinsame Ebene. Und wenn die von allen anerkannt wird, kann man froh sein. Dann ist schon viel erreicht.

In Zeiten von Fake News und Donald Trump aber ist man davon weit entfernt. Gerade der US-Präsident ist die Absage an eine gemeinsame Ebene in reinster Form. Er kennt seine eigene Wahrheit, er kennt seine eigenen Regeln, und dann kennt er erst mal eine ganze lange Zeit gar nichts. Jemand wie Donald Trump ist die radikale Ausgabe eines Mannes, der in seinem eigenen Spiegelkabinett gefangen ist, dem das aber vollkommen reicht. Er beschwert sich nicht.

Allerdings ist er damit in gewisser Weise auch jemand wie du und ich. Denn Wahrheit ist immer nur das, was man für wahr halten will. Das immerhin führt er einem vor Augen. Es gibt keine Wahrheit, wenn man sich nicht für eine entscheidet. Wenn man nicht sagt: Das glaube ich jetzt, und das glaube ich nicht. Und Geschichte, sagt Voltaire, ist immer nur die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

Die großen Wahrheiten einer Gesellschaft stellen sich her durch Vertrauen. Es wird gefährlich, wenn es abhanden kommt. Wir sind aber schon mitten drin in diesem Prozess, und er geht an die Substanz.

Die Glaubwürdigkeit der Medien schwindet, die der Politik, der Wirtschaft, des Staates als Ganzem. Eine Mehrheit der Bürger glaubt amtlichen Statistiken nicht mehr. Zuwanderung, Einkommens- und Vermögensverteilung, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Mieten, Preise – zwei Drittel bis die Hälfte der Befragten halten staatliche Angaben zu diesen Themen nicht mehr für verlässlich, hat eine Studie Anfang dieses Jahres ergeben. Dafür schätzen zwei Drittel der Deutschen die Kriminalitätsentwicklung falsch ein. Wo es sicherer geworden ist, fühlen sie sich zunehmend bedroht. Fakten spielen keine Rolle, heißt das: Ich habe meine eigenen.

Das kann nicht gutgehen auf die Dauer. Und auch wenn es so etwas wie ein „faktisches“ Zeitalter nie gegeben hat, so hat die Produktion des „Postfaktischen“ doch ungeahnte Dimensionen angenommen. Und Donald Trump ist nur die Speerspitze, ihr prominentester Bannerträger.

Er führt das Projekt der Aufklärung an seine Grenzen. Das ist sein gutes Recht. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, heißt es bei Immanuel Kant. Aber er führt es eben auch darüber hinaus. Denn Aufklärung bedeutet immer auch, Interesse an der Wahrheit des anderen zu haben. Das aber wird von Trump verweigert.

Seine Wahrheit ist am Augenblick und der Gelegenheit interessiert. Sie ist sein Einsatz in diesem Spiel. Sie sieht heute so aus, und wie sie morgen aussieht, wird man sehen. Aber das hängt dann eben nicht vom besseren Argument ab, sondern von der Taktik, vom Deal. Und dann wird die Erderwärmung eben zu einer chinesischen Machenschaft, um die amerikanische Produktion zu schädigen. Ein Umgang mit der Wahrheitssuche, wie Trump ihn pflegt, ist ein Verrat am ewigen Projekt der Aufklärung. Es ist ein Offenbarungseid. Und es macht immer noch fassungslos, wie weit er damit kommen konnte

Peter Intelmann

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