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Kultur im Norden Der Klang der Stille
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01:37 14.03.2018
Der Graf (Otto Katzamaier), der Diener (Steffen Kubach) und die Gräfin (Wioletta Hebrowska, von links).
Lübeck

Eigentlich ist es ein klassischer Opernstoff, den der italienische Komponist vertont hat. Graf liebt Gräfin, die verliebt sich in einen Gast, wird vom Diener beobachtet, der alles dem Grafen erzählt.

Der ermordet den Diener, den Gast und zuletzt auch noch seine Frau – und das alles aus Gründen der Ehre. Basierend auf dem barocken Stück „Il tradimento per l’onore“ von Giacinto Andrea Cicognini aus der Mitte des 17. Jahrhunderts schuf Sciarrino aus diesem Stoff acht Szenen, in denen die Handlung nur noch eine rudimentäre Rolle spielt. In Lübeck inszeniert Sandra Leupold „Luci mie traditrici“, die mit ihrer Sicht auf VerdisDon Carlo“ 2014 den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ gewann. Sandra Leupold: „Sciarrino hat ein großes Interesse an Menschen und einen moralisch hohen Anspruch.

Seine Oper lebt vom Prinzip der Reduktion, und das fordert den Zuschauer ungemein.“ Sciarrino reduziert den Text auf kurze Satzfragmente, die Gesangslinien sind oft im Flüsterton gehalten, Instrumente werden nicht nur normal gespielt, die Musiker müssen auf ihren Instrumenten auch kratzen und schaben. „Dabei gerät jeder Sänger an seine Grenzen“, sagt die Regisseurin, „aber je tiefer man sich in dieses Stück hineinbegibt, desto größer wird der Raum.“

Das Prinzip der Reduktion, des Weglassens, liegt auch vielen Inszenierungen von Sandra Leupold zugrunde. In diesem speziellen Fall will sie mit der szenischen Darstellung den Prozess des Hörens möglichst wenig stören: „Es wird keine Inszenierung, in der man Kulissen und Kostüme bestaunt und von der Musik eigentlich dadurch nur abgelenkt wird. Es ist deshalb eigentlich auch eine Oper über Oper, über Seh- und Hörgewohnheiten, es ist ein Versuch, an dem das Publikum teilnimmt.“ Und das Ergebnis des Experimentes soll sein, dass der Zuschauer sensibilisiert wird und den Unterschied zwischen fünffachem und sechsfachem Pianissimo hört.

Die Musik von Sciarrino hat einen tiefgehenden spirituellen Gehalt, in manchen Momenten fühlt man sich in ein buddhistisches Kloster mit seinen eindringlichen Gesängen versetzt, im nächsten erklingen Tongebilde, die an ein Madrigal der späten Renaissance erinnern, dann wieder nur Geräusche. Dass die Musik gelegentlich an die Madrigale von Carlo Gesualdo erinnert, ist kein Zufall: Giacinto Andrea Cicognini hat in seinem Drama „Il tradimento per l’onore“ das Schicksal des Fürsten und Komponisten Gesualdo paraphrasiert. Gesualdos Madrigale zeichnen sich durch eine kühne Harmonik und unerwartete melodische Wendungen aus. Nachdem er seine erste Ehefrau und deren Liebhaber getötet hatte, wandte sich der Komponist der sakralen Musik zu. Weil Ehrenmorde unter Adeligen nicht verfolgt wurden, blieb Gesualdos Tat ungesühnt. Aber Sciarrino hat nicht einfach eine Handlung vertont.

„Es ist eigentlich das Gegenteil von Oper“, sagt Sandra Leupold. „Das beginnt schon beim Prolog, in dem hinter dem Vorhang eine unbegleitete Stimme ertönt. Musikalisch zitiert dieser Prolog eine Elegie von Claude Le Jeune aus dem 16. Jahrhundert. Sciarrino hat unglaublich feine Musik geschrieben – aber es gibt nichts zu sehen. Was aber übrig bleibt, ist der Kern der Dinge und der Menschen.“

Diese Art zu komponieren erinnert an die späten Werke von Luigi Nono und Luciano Berio. Auflösung der Form sowie die Betonung von feinsten dynamischen Differenzierungen und Klangabstufungen gehören zu dieser Art der Musik. „Der Zuhörer muss sich völlig darauf einlassen“, sagt Sandra Leupold. „Diese Oper ist keine Oper des Sehens, sondern eine des Hörens – auch die Stille kann man hören.“

Premiere am Freitag um 19.30 Uhr im Großen Haus.

Konsequenter Autodidakt

Salvatore Sciarrino wurde 1947 in Palermo geboren. Bekannt ist er besonders für seine Kammermusik und seine Musiktheaterwerke. Er zählt zu den meistaufgeführten Komponisten der Gegenwart.

In einer autobiografischen Skizze verrät Sciarrino, dass er stolz ist, die Musik als Autodidakt erlernt und nie ein Konservatorium besucht zu haben. Unter der Anleitung von Antonino Titone begann er als Zwölfjähriger zu komponieren. Sciarrino war drei Jahre lang als künstlerischer Leiter des Teatro Comunale in Bologna tätig und hat auch an den Konservatorien in Mailand, Perugia und Florenz gelehrt.

 Jürgen Feldhoff

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