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Der Klang des Flitzebogens

Kiel Der Klang des Flitzebogens

Der Landesmusikrat Schleswig-Holstein erklärte gestern die Harfe zum „Instrument des Jahres“.

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Gesine Dreyer, Professorin an der Musikhochschule Lübeck, ist Schirmherrin beim Projekt „Instrument des Jahres 2016“ des Landesmusikrates.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Rotes C, blaues F, eingefärbt zur Orientierung; die kleinen Finger beider Hände abgespreizt und ohne Funktion wie beim eleganten Zum-Mund-Führen einer Mokka- Tasse aus feinem Meißner Porzellan; 1500 Teile für Wirbel und Pedalzüge; eine Tonne Zug der Saiten an der Resonanzdecke; 40 Kilogramm auf der Waage, ätherische Räusche in den Ohren: Die Harfe behält das Zeug zum Mysterium.

Schon vor 4500 Jahren, hat Volker Mader sich angelesen, taucht das Instrument der Familie der Chordophone in der Menschheitsgeschichte auf. Da wurde es für den Präsidenten des Landesmusikrates Schleswig-Holstein dringend Zeit, es mal zum „Instrument des Jahres“ zu erklären. Hymnisch ist Maders Meinung zum sechseinhalb Oktaven umfassenden Gerät: „Die Harfe gilt als himmlisches Instrument, beeindruckt durch ihr Erscheinungsbild ebenso sehr wie durch ihren Klang und ist Genre übergreifend einsetzbar.“

Schirmherrin für dieses landesweite Projekt ist 2016 die freischaffende Harfenistin Gesine Dreyer, die nach ihren Orchesterjahren in Frankfurt und am Theater Kiel als Professorin an Musikhochschulen in Lübeck und Berlin lehrt. Sie sieht den Ursprung ihres Instruments im „Flitzebogen“, der beim Zurückschnellen einen offenbar eindrucksvollen Ton hinterließ. Und sie verweist auf die Verwendung beim mittelalterlichen Minnegesang, in der alpenländischen Volksmusik, auf die keltische Hochburg in Irland, die ganz eigenständige Tradition und Spielart der Barockharfe, die Verwendung im Kunstlied vor Franz Schubert.

Die 1969 in Hamburg geborene Gesine Dreyer preist die Stärken der Harfe während der Vorstellung des Instruments des Jahres im Landeshaus Kiel in der klassischen und modernen Kunstmusik: „Gerade in der laufenden Kieler Opernsaison werden sie wenige Abende finden, wo die Harfe nicht beteiligt ist.“ Und sie nimmt wahr, dass das Zupfinstrument seine Wunderkräfte zunehmend auch im Jazz, als E-Harfe und im therapeutischen Bereich entwickelt. Jetzt will Dreyer gerne dazu beitragen, „dass die Harfe mehr gehört und gesehen, auch angefasst“ wird. Sie schickt deswegen ihre Harfenklasse durchs Land und in die Schulen, spielt selber mit dem Landesjugendorchester das berühmte Konzert des argentinischer Komponisten Alberto Ginastera (1916-1983).

Die Hürden, das Instrument zu lernen, seien gar nicht so groß, sagt Dreyer. Instrumente könne man mieten, mit der kleinen irischen Variante gut beginnen, die Tiroler Harfe als Übergang zur großen Pedalharfe nutzen. Profis müssten sich allerdings auf einen Kostenrahmen zwischen 20000 und maximal 70000 Euro für hochwertige, zu allen chromatischen Exaltationen fähige Doppelpedalharfen einstellen.

Über das Lernen des Harfenspiels sagt Dreyer: „Man braucht keine besonderen Voraussetzungen, man kann schon mit sieben oder acht Jahren anfangen, aber auch im Erwachsenenalter. Der Vorteil ist: Es kommen immer gleich Töne! Nichts quietscht oder kratzt wie bei den Streichern“

Auch den Musikerwitz-Klassiker, dass ein Harfenist beim 40-jährigen Dienstjubiläum zehn Jahre Spielen und 30 Jahre Stimmen hinter sich habe, weil sich das Instrument verstimmt, da eine Viertelstunde vorüber ist oder jemand die Tür aufgemacht hat, wischt Gesine Dreyer vom Tisch: Das Selberstimmen sei schon ein Thema, aber auf professionellem Niveau nach jeweils fünf Minuten erledigt. Außerdem schule das Stimmen das Ohr.

Landesmusikrat-Präsident Mader schwärmt beim Stichwort „Instrument des Jahres“ von einer bereits „gewaltigen Tradition“ und Nachhaltigkeit: Der Fokus Horn von 2015 habe auffällige Aktivitäten junger Blechbläser im Norden zur Folge, zum Beispiel die Gründung eines „Netzwerks Horn“. Ziel des Projektes „Instrument des Jahres“ ist es, Öffentlichkeitsarbeit für ein „Mangelinstrument“ zu leisten. Die Klarinette stand 2008 im Mittelpunkt, dann die Trompete, der Kontrabass, die Posaune, das Fagott, die Gitarre, die Bratsche und 2015 das Horn.

Konzerte mit Harfe
Erstes Konzert: So., 17. Januar, 12 Uhr, Foyer im Audimax der Kieler Universität. Vokalensemble des Jugendchores am Theater Kiel und Birgit Kaar an der Harfe. Karten: Telefon 04
31/149 0124.
In Lübeck findet am Sonnabend, 13. Februar, 20 Uhr, ein Konzert mit der Harfenklasse der Musikhochschule statt.


Am Sonntag, 16. Oktober, 17 Uhr, gastiert der Landesjugendchor in St. Jakobi. Unterstützt wird er von den Harfenistinnen des Landesjugendorchesters, darunter die 2000 geborene Julia Lilli von Grebmer, die bei Gesine Dreyer studiert.


Am Sonnabend, 29. Oktober, um 19 Uhr spielt das Landesjugendorchester sein Herbstkonzert in der Musikhochschule Lübeck. Gesine Dreyer ist Solistin beim Harfenkonzert von Alberto Ginastera.

• Termine: www.instrument-des-jahres.de

Christian Strehk

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